Warum sich die Alten auf die Jungen zubewegen müssen!

Crop plant examined by two farmers
Ein Blick auf die ehemaligen Höfe der Umgebung: Da ist der Mutterkuh-Halter – irgendwas zwischen Nebenerwerb und Hobby, ehemals eine bunt gemischte Herde. Züchterisch nicht wertvoll, aber ein aktiver „Kleinbauer“ mit so 20 Hektar. Gerade recht, um es tatsächlich nebenbei bewirtschaften zu können. Der Bauer baute gesundheitlich ab, konnte aber nicht loslassen, fuhr mit dem Schlepper im Dunkeln die Böschung runter … Die Tiere hatte er auch nicht mehr immer unter Kontrolle in den letzten Jahren.
Alles sah immer verlotterter aus – aber, so sagte er im Gespräch, „keiner will ja von meinen Enkeln weitermachen, hier einsteigen.“ Also machte er weiter, bis nach einem längeren Krankenhausaufenthalt seine Frau ein Machtwort sprach. Die Rinder kamen zum Metzger, die Flächen wurden verteilt – und einige werden bis heute nicht bewirtschaftet. Ehrlich gesagt: Ich will sie auch nicht – wer weiß, welcher Müll mich da noch empfangen würde. Ergebnis: ein – kleiner – Betrieb weniger.
Und da war da der ehemalige Milchviehbauer – hochintelligent, jahrzehntelang einer der besten hier im Kreise. Früh genug sattelte er um, die Milchkühe wurden durch eine stattliche Limousin-Herde ersetzt. Hervorragende Tiere, toll gepflegter Hof, ein Vorzeige-Betrieb. Der Sohn verstarb leider viel zu früh, die Tochter hatte nie die Ambitionen, den Hof zu übernehmen. Also machte er weiter, weit über das Rentenalter hinaus. Irgendwann ging es nicht mehr so, er hat die Reißleine gezogen, bevor er körperlich am Ende war. Eine kluge Entscheidung. Und er hat es versucht: Ein junger Mann aus der Gegend hatte Interesse. Doch irgendwann war der Altbauer ehrlich mit sich selbst. Es war für ihn schwierig mit anzusehen, wie jemand etwas anders machte als er. Das war sicherlich nicht der einzige Grund – doch das Ergebnis auch hier: ein – herausragender – Betrieb weniger.
Hinter dem Höfesterben (ver)stecken sich persönliche Schicksale. Geschichten vom „Nicht-Loslassen-Können“ (Beispiel eins) bis hin zur Schwierigkeit, dass sich der Hof und das eigene Leben zu sehr wandeln (Beispiel zwei). Zudem schienen die externe Hofnachfolge keine Alternative zu sein.
Schaut man sich die Studierenden landwirtschaftlicher Studiengänge an, schaut man in die Klassen der Fachschulen: Immer finden sich dort junge Menschen, die keinen Hof erben können. Weil sie eben aus einem nichtlandwirtschaftlichen Umfeld kommen. Gut ausgebildet sind sie – und finden oft keinen Einstieg. Weil es eben doch noch üblich ist, dass die Alten gerne in der Familie übergeben – oder eben gar nicht.
Und weil es möglichst so weiter gehen soll wie bisher. Das aber sind Ansprüche, die heute in die Sackgasse führen. Die Welt ändert sich – Klimaveränderung, die Ansprüche der jüngeren Generation, vielleicht auch die Arbeitsschwerpunkte. Auch die Technik entwickelt sich weiter. Wenn wir eine vielfältige Landwirtschaft erhalten wollen, dann braucht es zuerst den Wandel im Kopf der Alten! Denn nur sie können der Zukunft und der Jugend eine Chance geben. Indem sie abgeben können, indem sie Veränderung zulassen, sich sogar darüber freuen. Und wenn auf dem Kartoffelacker demnächst Topinambur wachsen, weil die Zahl der Diabetiker steigt, dann ist das gut so und vielleicht eine schicke Nische. Auch so geht der Betrieb weiter, so wird landwirtschaftliche Vielfalt möglich. Okay – wer aus dem Topinambur-Acker später wieder was anderes machen möchte, hat es schwer – das Zeug wächst wie Unkraut. Aber – „verdummich nochmal“ – da kümmern sich die Nachfolgenden dann drum. Die Alten dürfen eines: Ratschläge geben. Aber nicht erwarten, dass alle angenommen werden. Weil sie vielleicht auch aus der Zeit gefallen sind. Loslassen, Neues zulassen – das ist der Job der Abgebenden. Dann kann die familiäre oder auch die externe Hofnachfolge gelingen. Denn Neues schaffen, auf dem Vorgefundenen aufbauen – das ist der Job der neuen Generation. Daran können sich alle freuen. Nur wenn sich die Alten bewegen, hat der Hof eine Chance auf Zukunft.
Der Autor Peter Schmidt ist Ökolandwirt und Vorstand des
Biokreis Erzeugerring NRW und Niedersachsen e.V.