Bio-Hof Jörgens: Die Schwestern-GbR

Biohof Jörgens. Bild: privat
Na also, geht doch, möchte ich laut rufen, nachdem ich mich mit Familie Jörgens aus Burscheid (NRW) unterhalten habe. Ständig liest und hört man von den Problemen, die innerhalb einer Familie auftauchen (können), wenn es um die Weiterführung des Hofes geht. Nach dem ausgiebigen Gespräch am Esszimmertisch aber wird klar: Irgendwas ist hier in den vergangenen Jahren richtig gut gelaufen, ich habe das Gefühl: Hier ziehen alle, aber auch wirklich alle, an einem Strang.
Naja, Vater Wilfried Jörgens (65) muss nicht mehr so richtig ziehen, aber ohne ihn hätte es nicht klappen können, dass dieser Familienbetrieb so positiv in die Zukunft schauen kann. Doch von vorn: Aus dem ehemaligen Milchviehbetrieb, geleitet von Wilfrieds Bruder Eberhard, macht Wilfried Jörgens nach dessen zu frühem Tode schnell einen Mutterkuh-Betrieb. Die Leidenschaft: hervorragende Charolais-Rinder züchten. Da hat sich der Betrieb mittlerweile einen richtig guten Namen gemacht. Und da Wilfried seine Töchter immer in die Zucht einbezogen hat, geht es da auch richtig gut weiter. So erinnert sich Sina Jörgens: „Er hat uns immer mit auf Schauen und Auktionen genommen, da hat er wohl unsere Leidenschaft entfacht“.

Irgendwann vor rund zehn Jahren wurde Wilfried dann konkret – früh genug, um die richtigen Schritte einzuleiten. Wer das denn weitermachen wolle. Bei fünf Kindern gab es ja die Chance, dass da wer den Finger hebt. Drei signalisierten ernsthaftes Interesse, doch während die Zwillinge Sina und Nina (heute beide 23 Jahre alt) noch arg jung waren und sich in Ruhe entwickeln, ausbilden und später entscheiden können sollten, wurde dann mit der acht Jahre älteren Lena (heute 31 Jahre alt) 2017 die erste Vater-Tochter-GbR gegründet. Damit war klar: „Der Betrieb geht weiter, die Nachfolge ist gesichert.“ So war der Grundstein gelegt, der Biohof Jörgens hat Zukunft, stellte dann auch flugs auf Bio um und wurde Biokreis-Mitglied.
Es hat bis heute geklappt: Vater Wilfried hat Verantwortung abgegeben, zuerst gemeinsam mit Lena den Betrieb geführt, die jüngeren Zwillinge wurden weiter mitgenommen. Denn das Geschwister-Trio – und nicht nur das, aber dazu später – funktioniert. Sina und Nina wussten: Wir wollen hier weiter arbeiten. Nina absolvierte eine landwirtschaftliche Ausbildung und ist heute Agrarbetriebswirtin und arbeitet auf einem naheliegenden Milchviehbetrieb. Lena arbeitet parallel als Krankenschwester, Sina ist als Bürokauffrau bei einer Catering-Firma tätig.
Seit Mai 2025 nun ist die Hofübergabe – fast – absolviert. Lena, Sina und Nina führen den Hof im Rahmen der GbR, Vater Wilfried ist ausgestiegen, darf aber noch Ratschläge geben und mitarbeiten. Ob auf seine Ratschläge gehört wird? „Meist sind wir einer Meinung, denn unser Fachwissen, das haben wir von ihm“, erzählt Sina. Und wenn man nicht so ganz einer Meinung ist, dann – so berichten die drei – hat Vater eine ganz einfache Formel: „Die machen das schon“. Tiefes Vertrauen klingt aus diesen Worten, aber auch die Fähigkeit, wirklich abgeben zu können. Und sich daran zu freuen, was die eigene Familie daraus macht.
Diese Familie, die hat es wirklich in sich. Neben den drei GbR-Schwestern ist da noch die Schwägerin Katharina Jörgens, die auf dem Hof seit einiger Zeit Bauernhof-Spielgruppen organisiert. So kommt eines zum anderen: Die Bauernhof-Schnitzeljagd, die endet gerne im neuen Hofladen, wo dann die Eltern der Kinder gleich das Charolais-Fleisch oder Eier mitnehmen können.
Das Geheimnis dieser wirklich besonderen Hofnachfolge bringt Sina auf den Punkt: „Es ist einfach wunderbar, dass wir hier alles gemeinsam machen können“. Jeder kann seinen Urlaub organisieren, auf Feiern gehen – es ist immer jemand da, der die notwendige Arbeit erledigt.
Und einer ist – fast – immer da: Tom Wodtke, gelernter Landwirt und Lebensgefährte von Sina. Tom hat aktuell eine halbe Stelle auf dem Betrieb und sorgt dafür, dass in der Geschwister-GbR alles rund läuft, macht die Außenwirtschaft und die Tierversorgung.
Gemeinsam leiten sie Veränderungen ein – als Team, die Geschwister, Tom und Wilfried, alle sitzen bei Bedarf am Tisch. Es hat sich schon so einiges entwickelt in den vergangenen Jahren. Die Charolais-Rinder, die sind der Kern des Hofes. Im Lauf der vergangenen Jahre wurde der mobile Hühnerstall angeschafft. Verkaufsautomaten in der Nähe der väterlichen Tierarztpraxis sind aufgestellt. Und weil die Schwestern aktuell den Gewinn gleich wieder reinvestieren, wurde im Laufe der letzten Monate gleich noch in Maschinen investiert: Ein schickes Frontmähwerk und eine Maschine, die das Einstreuen erleichtert, kamen auf den Hof. Übrigens hat dabei der gelernte Landmaschinenmechaniker Florian Hugo, Ehemann von Lena, unterstützt. Mit dem letzten Landwirtschafts-Antrag wurde zudem eine ordentliche Prämien-Optimierung durchgeführt. Klar, was einer allein nicht so schafft, mit so vielen Köpfen kann sich jeder auch ein wenig mehr kümmern. Das zahlt sich aus.
Übrigens: Einen weiteren Trick haben sie umgesetzt bei der neuen GbR, gegründet im vergangenen Jahr: Nina als einzige mit landwirtschaftlicher Ausbildung hat derzeit ein „Veto“-Recht, das sichert dann auch die Junglandwirte-Prämie.
Das nächste Ziel ist klar: Tom soll als Vollzeit-Kraft für ein faires Gehalt eingestellt werden. Dazu optimieren die Drei aktuell die Vermarktung. Im vergangenen Jahr wurde endlich der kleine Hofladen fertig. Jetzt macht das Einkaufen der Kundschaft noch mehr Spaß, professionell gekühlt sind immer leckere Charolais-Fleischstücke erhältlich. Über eine Online-Vermarktung haben sie auch nachgedacht, doch sich aktuell dagegen entschieden: Das alles muss gepflegt werden, und bevor Online-Kund:innen Dinge bestellen, die gerade verkauft wurden, und so verschreckt werden, verzichten die Drei darauf. Dafür gibt es seit vergangenem Jahr ein Hoffest – geplant ist, das regelmäßig zu organisieren. Immer auch mit tollem Kinderprogramm – „und wir merken, auch das zahlt sich in der Vermarktung aus“, so Sina. Zudem wird seit diesem Jahr wieder richtig geackert – fünf Hektar sollen gutes Getreide als Zusatzfutter für die Rinder bringen.
Eine Baustelle gibt´s noch für die Hofnachfolge. Die familiären Flächen, die hat die GbR aktuell noch gepachtet, die müssen noch von den Eltern auf die Nachfolgenden überschrieben werden. Doch auch hier geht man gemeinsame Schritte – der Hof soll wahrscheinlich aus der Höfeordnung gestrichen werden. Nach der Sitzung am Esszimmer-Tisch bin ich mir ziemlich sicher: Die Familie kriegt auch das hin – mit diesem so wundervollen Gefühl habe ich den Hof verlassen. Hier hat geklappt, woran viele lange knabbern und auch verzagen. Wie heißt es im Flyer: „Ein Familienbetrieb mit Herz und Verstand“. Stimmt einfach: Familie wird groß geschrieben, Herz spürt man und den Verstand, den haben alle bei der behutsamen Weiterentwicklung bewiesen.
Der Autor Peter Schmidt ist Ökolandwirt und Vorstand des
Biokreis Erzeugerring NRW und Niedersachsen e.V.