Alte Rassen: Chance im Biolandbau

von Peter Schmidt
Als die Deutschen richtig viel Fleisch essen und dabei weniger dick werden wollten, da ging es den alten Schweinerassen langsam an die Existenz. In den Wirtschaftswunderjahren wurden die Schweine auf Leistung getrimmt, wurde ihnen das Fett weggezüchtet – und auch ihre Robustheit. Alte Rassen entsprechen den modernen Kriterien mager und viel Fleisch nicht, sie sind da anders, wären eigentlich auch zukunftsfähig, auch und gerade im Biolandbau. Doch ganz so einfach ist es nicht.

Antje Feldmann ist Expertin für die traditionellen Rassen, viele vom Aussterben bedroht. Sie ist Geschäftsführerin der GEH, der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V., und hat eben auch den Überblick über die rote Liste der seltenen Schweine. Schweine, die früher Standard waren in der Landwirtschaft, die draußen wühlten, die robust waren und auch mit härteren Klimabedingungen klar kamen – und immer noch kommen. Sie zeichnet aus, dass ihre Fleischausbeute geringer ist. Und dass um das Kotelett herum sich ein ordentlicher Fettstreifen zieht. Geschmacklich ein echtes Plus, Fett ist ja nun der Geschmacksträger. Und doch muss Antje Feldmann feststellen: „Immer mehr Betriebe haben jetzt wieder Schwierigkeiten, den höheren Fettanteil mit zu vermarkten.“ Ohne Fett aber gibt es die meisten alten Rasten nicht. Der Fettrand ist letztlich typisch für die meisten von ihnen. Zu Coronazeiten stand die Kulinarik bei mehr Menschen hoch im Kurs, der Geschmacksträger wurde geschmacklich genossen. Doch es ist aktuell wieder gegen den Trend – in der leider heute üblichen Gastronomie kommen die Schnitzel möglichst gleich geformt vom Großhandel, die Zahl der Metzger:innen sinkt, im Discounter haben die Schinken der alten Rassen keine Perspektiven. Denn was langsamer wächst, das kann im Billigpreis-Segment nicht mithalten. Da ist das Fleisch der Traditionsrassen dann eher etwas für Betriebe, die an eine ausgesuchte Kundschaft vermarkten, an die „bessere“ Gastronomie – und die (selbst) vermarkten können. Die Betriebe haben dann die Auswahl unter verschiedenen Rassen – ein kleiner Querschnitt:
- Da wäre die Gruppe der Sattelschweine – dazu zählen das Angler Sattelschwein, das Deutsche Sat-telschwein, das Rotbunte Husumer Schwein und das Schwäbisch Hällische Schwein. Alle bringen es auf tägliche Zunahmen von rund 800 Gramm und werden in verschiedenen Bundesländern, so sie gezüchtet werden, auch gefördert. Was alleine aber kein Grund für einen Betrieb sein darf, sich auf eine dieser Rassen zu spezialisieren. Sattelschweine weisen gute Muttereigenschaften auf und eine hohe Fleischqualität.
- Was die Zunahmen angeht, ist die Deutsche Landrasse leistungsfähiger – auch die ehemals in Deutschland wichtige Rasse ist mittlerweile durch die Hybriden zurückgedrängt, zählt zu den bestandsstärksten „bedrohten“ Rassen. Die Tageszunahmen liegen so bei 1000 Gramm, ähnlich wie beim „Deutschen Edelschwein“. Das Edelschwein aber gilt bereits als stressresistent (wie eigentlich alle alten Rassen), da hat allein die Deutsche Landrasse noch züchterischen Nachholbedarf.
- Sehr speziell ist das Leicoma-Schwein, ehemals ein Qualitätsschwein, gezüchtet in Mitteldeutschland, rund um LEIpzig, COttbus und MAgdeburg – so entstand dann auch der regionaltypische Name. Nach der Wende gaben viele mitteldeutsche Schweinebetriebe auf oder setzten eben auf die Hybride, das Leicoma ist heute die Rasse, die mit am schwie-rigsten zu erhalten ist, die Genetik wird dominiert von einem Zuchtbetrieb …
- Auf viele kleine Zuchten verteilt ist das Bunte Bentheimer Schwein. Das Schwein, das ursprünglich aus der Grafschaft Bentheim, aus dem Emsland und aus Cloppenburg stammt, hat sich gut über Deutschland verbreitet und ist eine schicke Universalrasse. „Damit kann man eigentlich ganz gut in die Öko-Schweinehaltung einsteigen“, schätzt auch Antje Feldmann, die sich sehr über weitere Züchter:innen und Nutzer:innen freuen würde. Die Bentheimer und die Sattelschweine sind regional verfügbar. Und bevor allzu lange Wege in Kauf genommen werden müssen, um mal wieder einen neuen Eber zu organisieren, ist da eine erste Recherche zu den Beständen in der Region sinnvoll.
Eine Verbreitung der alten Rassen über möglichst viele Gebiete Deutschlands ist dabei grundsätzlich wünschenswert. Denn die Verbreitung kann auch im Seuchenfall für die Zukunft der Rasse überlebenswichtig sein. Die Rassen sind grundsätzlich echte „Draußen“-Rassen. Sie sind für die Freilandhaltung geschaffen, lieben das Wühlen und Grasen – halt das Leben außerhalb des Stalles. Das kann im Schweinepestfall zum Problem werden. Stallpflicht ist kaum vereinbar mit dem Freiheitsdrang der Tiere – „die meisten Halter entscheiden sich dann schon aus Tierwohlgründen für die Schlachtung“, so Antje Feldmann. Weil die Schweinepest einerseits in Deutschland – erfreulicherweise – nicht weit verbreitet ist, bleibt bei dem Konzept der möglichst breiten Verteilung der Zuchtbetriebe immer ein genügender Schweinebestand übrig, um die Rasse zu erhalten. So können auch Betriebe, die einige Zeit von der Schweinepest betroffen waren und ihre Tiere geschlachtet haben, später wieder mit der Rasse neu starten. Aber es gilt auch dann: Die Vermarktung bleibt eine Herausforderung. Denn erstens gibt es weniger Fleisch für mehr Aufwand – was sich auf den Preis auswirken muss. Außerdem muss der Kundschaft wieder der Wert des Fettes erklärt werden … Wichtiger aber noch: Es sollte kein Fleisch von Tieren vermarktet werden, die „vom Aussterben bedroht“ sind. Auch wenn es stimmt, bei vielen Menschen führt dies zu Gedanken wie: „Dann darf mensch es doch gar nicht essen“ oder ähnliches. Dass nur durch die Nutzung die alten Rassen erhalten werden können, das ist dann wieder ein nachträglicher Erklärprozess, der das Ver-kaufen nur schwieriger macht. Besser sind andere Begriffe zu nutzen – zum Beispiel die „Schweinerasse mit Tradition“ oder ähnliches. Denn Tradition, das ist heute wieder erstrebenswert. Tradition, das steht heute für Stabilität und Sicherheit – und das ist in unruhigen Zeiten wie diesen ein echter Wert. Ein Wert, der sich bei der Vermarktung von Bio-Schweinen der alten Rassen nutzen lässt.
Der Autor Peter Schmidt ist Ökolandwirt und Vorstand des
Biokreis Erzeugerring NRW und Niedersachsen e.V.