Innovative Lebensmodelle in der Landwirtschaft: Wie die Jungen arbeiten und leben wollen

Die Landwirtschaft ist eine der ältesten Berufszweige, doch sie steht vor einem historischen Umbruch. Während das klassische Hofsterben anhält, wächst gleichzeitig eine neue, junge Generation heran, die den Acker nicht nur als Produktionsstätte sieht, sondern auch als sozialen ökologischen Gestaltungsraum. Für junge Menschen, die in die Landwirtschaft „einsteigen“ – ob als Hofnachfolgende oder Quereinsteiger:innen – rücken vermehrt kooperative Lebensmodelle wie Co-Farming, Solidarische Landwirtschaft (Solawi) und Generationshöfe in den Fokus.
Krisen als Möglichkeit für Neues
Das bisher weit verbreitete Modell „Ein Hof – eine Familie“ stößt bei manchen Betrieben an seine Grenzen. Interessenkonflikte und psychische Belastungen fordern ihren Tribut und lassen den Arbeitszweig der Landwirtschaft für so manchen unattraktiv wirken. Genau hier setzen moderne Lebens- und Arbeitsmodelle an. Sie brechen starre Strukturen auf und ersetzen Einzelkämpfende durch Solidargemeinschaften.
Beim Modell Co-Farming nutzen mehrere unabhängige Betriebe eine gemeinsame Infrastruktur. Es
werden neben Arbeitskräften auch Maschinen, Lagerhallen und Vermarktungslogistik solidarisch genutzt.Dadurch sinkt der Kapitalbedarf für Anschaffungen und Kosten für Reparaturen und Lagerfläche werden minimiert. Die Visionen sind weitreichend. Während ein Hofbetreiber Hühner im Mobilstall hält, betreibt ein Zweiter eine Hofgärtnerei und ein Dritter baut Getreide für Futtermittel an. Gärtnerei und Ackerbaubetrieb nutzen das Hühnertrockenkotmodell (HTK) als Düngung für ihre Flächen.
Derartige Diversitäten machen jeden Standort wirtschaftlicher und resilienter gegen Marktschwankungen und Lieferschwierigkeiten können erst gar nicht entstehen. Transportkosten werden reduziert und günstigere Verbraucherpreise können angeboten werden.
Das Modell der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) ist für viele junge Menschen sehr attraktiv, weil hier die Verbraucher:innen bzw. Mitglieder der landwirtschaftlichen Gemeinschaft die Kosten übernehmen und dafür später die Ernte erhalten. Das bringt erhebliche Vorteile: Das Risiko für Unwetter, Dürre oder sonstige Wetteranomalien wird von der Gemeinschaft getragen und es besteht ein geringeres existentielles Risiko für die Landwirtinnen und Landwirte.
Der Biokreis-Betrieb von Freya Krüske – Solawi Hofkollektiv eG – aus Wipperfürth praktiziert dieses Modell bereits erfolgreich seit 2021 auf Gut Kremershof im Bergischen Land. Hier profitieren die Genossenschaftsmitglieder regelmäßig von vielfältigen und frischen Gemüseprodukten, die unter Folie und auf dem Freiland produziert werden. Dieses Netzwerk beinhaltet zusätzlich eine sehr hohe Planungssicherheit, da das Budget für das Jahr bereits im Voraus feststeht. So können faire Gehälter und geregelte Arbeitszeiten garantiert werden, was in der herkömmlichen Landwirtschaft leider oft ein Fremdwort darstellt.
In der modernen Landwirtschaft gewinnen ebenfalls ökologische Dörfer und Generationshäuser mehr und mehr an Bedeutung. Dort entsteht eine Symbiose aus Erfahrung und Innovation und sind eine Antwort auf soziale Vereinsamung und steigende Wohnkosten. Diese Modelle setzen durch den vermehrten Einsatz von Naturmaterialien auf Ressourcenschonung, Selbstversorgung und digitale Vernetzung wie Carsharing und Lebensmittelkooperationen.
Während eine Hofübergabe innerhalb der Familie oft Konfliktpotential birgt, wird hier versucht, den Innovationsgeist der jüngeren Generation mit dem Wissensschatz der älteren Generation zu verknüpfen. Patriarchale Muster können bei diesem Modell vermieden werden, da meist im Vorfeld die Zuständigkeiten geregelt werden.
Um private Rückzugsräume für individuelle Privatsphäre zu schaffen, können im Modell Co-Housing Altenteile in WG-Zimmer oder kleine Wohnungen umgebaut werden. So wird der Hof zu einem Ort der biologischen Wirtschaft in einer frei gewählten Interessengemeinschaft. Auf der Plattform www.bring-together.de finden Interessierte zahlreiche Angebote zu neuen Trends und ökologischen Lebensformen.
Zukunftsvisionen
Für die Generation Z und die Millennials kann so ein herkömmlich geführter Bauernhof ein multifunktionaler und kreativer Gestaltungsort werden. Neben ökologischer Regeneration durch Humusaufbau und Agroforstsysteme kann auch durch Pädagogikhöfe eine verstärkte soziale Integration stattfinden. Als Lernorte für Schulen und Kindergärten, Therapiestätten und Erinnerungsorte für Pflegeheimbewohner:innen erfährt der ländliche Raum eine neue Sinnfindung für junge Menschen.
Technische Unterstützung zum Bespiel durch Drohneneinsatz in der Rehkitzrettung oder KI-Einsatz beim Unkrautmanagement schafft Zeit und Raum für persönliche Freizeitgestaltung, Weiterbildung und Gemeinschaftspflege. Auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) fördert gezielt Innovationsfähigkeit für die Zukunft.
Neue Lebens- und Arbeitsmodelle ermöglichen jungen Menschen eine neu durchdachte und sinnhafte Gestaltung ihres Arbeitsplatzes. Anstatt einer 80-Stunden-Woche können innovative und individuelle Gestaltungen die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, gelebten Gemeinschaft und ökologischer Verantwortung vereinen. Der gelebte Wandel in der Landwirtschaft bietet jungen Menschen viele Möglichkeiten unternehmerischer Freiheit. Sie bieten nicht nur frische und regionale Nahrung, sondern sind ein Teil der Bewegung, die das Dorfleben und unsere Ernährungssysteme nachhaltiger, lebenswerter und zukunftsfähiger machen.

Die Autorin Annette Schmelzer ist Geschäftsführerin des
Biokreis Erzeugerring NRW und Niedersachsen e.V.