Landluft, Likes und die Liebe

Von Gabi Kunz | Gepostet am 19.02.2026

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Zwischen Idylle und Inszenierung – wie Popkultur unser Bild von Landwirtschaft prägt. Von Gabi Kunz

Landwirtschaft war lange ein Randthema der öffentlichen Wahrnehmung. Heute ist sie Teil der Popkultur: auf Social-Media, in Serien, Dokumentationen und Werbekampagnen. Popkultur prägt dabei nicht nur, wie über Landwirtschaft gesprochen wird, sondern auch, was Konsument:innen erwarten – besonders im Bio-Bereich.

Die Ökolandwirtschaft ist in der öffentlichen Wahrnehmung längst mehr als Ackerbau und Stallarbeit. Sie ist nicht nur ein wirtschaftlicher Sektor, sondern auch ein kulturelles Bild, das immer wieder neu inszeniert wird. Zwischen Traktor, Feld und Kräuterbeet treffen heute Nachhaltigkeit, Unterhaltung und Romantik aufeinander. Werbung greift gezielt auf popkulturelle Elemente zurück. Es werden dabei einfache, leicht
erkennbare Motive genutzt, um starke Emotionen auszulösen. Kühe auf saftigen, grünen Wiesen, traditionelle Bauernhöfe mit leuchtenden Kinderaugen unter blauem Himmel. „Echte“ Menschen vom Land sind zu medialen Ikonen geworden, die weit über die reale Landwirtschaft hinauswirken. Begriffe wie „regional“, „natürlich“ oder „von hier“ erzeugen Werte wie Nähe und Vertrauen – oft unabhängig davon, wie die tatsächlichen Produktionsbedingungen aussehen. Bio-Marken erzählen Geschichten von Liebe zur Natur, zu den Tieren und zur Region. Herzsymbole, persönliche Porträts und emotionale Slogans vermitteln Nähe und Vertrauen. Dabei geht es nicht nur um Produkte, sondern auch um Lebensstile: Wer Bio kauft, entscheidet sich auch für Werte wie Achtsamkeit,
Gesundheit und Verantwortung.

Likes und Follower schaffen eine neue Bindung

Gleichzeitig eröffnet Popkultur aber auch neue Chancen. Landwirt:innen nutzen die sozialen Medien wie Instagram oder Facebook, um ihren Alltag selbst zu zeigen. Sie geben Einblicke in Stallarbeit, Feldpflege, Ernte, Vermarktung, das Angebot ihres Hofladens oder teilen Rezepte. Das Landleben wird Teil einer
modernen Popkultur. Likes und Follower ersetzen dabei klassische Werbemittel und schaffen so neue Formen der Bindung zur Verbraucherschaft. Sie öffnen die Ökolandwirtschaft für Gespräche, Aufmerksamkeit und neue Zielgruppen.

Der Bauernhof als Bühne

Sichtbarkeit ja, aber mit Vorsicht. Nicht jede mediale Darstellung spiegelt die Vielfalt und die fachlichen Herausforderungen ökologischer Landwirtschaft wider. Doku-Soaps haben in den vergangenen Jahren maßgeblich dazu beigetragen, Landwirtschaft emotional aufzuladen. Sie zeigen Höfe nicht primär als Produktionsstätten, sondern als private Lebensräume. Arbeit erscheint dort handwerklich, überschaubar und sinnstiftend. Der Hof wird zur Kulisse für Romantik, Gemeinschaft und Tradition. Diese Bilder sind wirkungsvoll, aber sie erzählen nicht die ganze Wahrheit. Landwirtschaft im Fernsehen ist weniger Realität als ästhetische Inszenierung – leicht konsumierbar und emotional. Was dabei meist ausgeblendet bleibt, sind die strukturellen Realitäten: Preisdruck, Bürokratie, Abhängigkeit von Förderprogrammen, Klimarisiken oder Tierwohlkonflikte. Kritisch betrachtet besteht die Gefahr, dass Popkultur die Realität vereinfacht. Landwirtschaft – auch ökologische – ist harte Arbeit. Wenn Liebe, Idylle und Erfolg zu stark in den Vordergrund rücken, können falsche Erwartungen entstehen. Viele Landwirt:innen werden sich in den populären Darstellungen kaum wiederfinden.

Bei der Recherche zu diesem Artikel habe ich mir verschiedene Beiträge angesehen. Ein besonders prägendes Beispiel war für mich die Darstellung der Reality-Show „Bauer sucht Frau“. Das Grundkonzept ist relativ einfach: Landwirt:innen, auf der Suche nach der großen Liebe. Als Gegenstück dazu werden oft Bewerber:innen ausgewählt, die eher „TV-tauglich“ sind und nicht unbedingt auf den jeweiligen Hof passen. Landwirte werden oft als einsame, rustikale Männer dargestellt, die dringend eine Frau brauchen, um ihr Leben zu retten. Zuschauer:innen lernen verschiedene Lebensweisen, Werte und Prioritäten kennen und können sich mit den Kandidat:innen identifizieren oder über sie lachen. Die Wohnverhältnisse sind oft genauso unterhaltsam wie die Flirtversuche selbst. Die Sendung suggeriert, dass man schnell die große Liebe findet. In Wirklichkeit halten nur wenige Beziehungen und sind bereits während des Ausstrahlungstermins wieder beendet. Echte Probleme fehlen: die wirkliche Arbeit, der wirtschaftliche Druck, schlechtes Wetter – all das wird kaum gezeigt.

Viele echte Landwirte sehen hier ein Klischee, das nicht die Realität vieler moderner Landwirt:innen
widerspiegelt, auch nicht in Sachen Liebe. Liebe auf dem Land funktioniert nicht nach einem Drehbuch.

Unterhaltung trifft Realität

Für eine nachhaltige Zukunft der Landwirtschaft braucht es daher mehr als schöne Bilder: Es braucht ehrliche Geschichten über Herausforderungen, Zielkonflikte und innovative Lösungsansätze – gerade im Ökolandbau. Dokumentationen wie z. B. „Unser Land“ (BR) sind sehr nah dran an der Praxis. Hier geht es um aktuelle Herausforderungen der Landwirtschaft, Tierhaltung, Ackerbau, Wetterextreme, Politik, Umweltfragen, Ernte-Probleme, etc. Die Sendung vermittelt Wissen, stärkt das Verständnis zwischen Stadt und Land und gibt dem ländlichen Raum eine Stimme.

Serien wie z.B. „Land & Lecker“ (MDR) oder „Landfrauenküche“ (BR) bewegen sich dagegen im Spannungsfeld zwischen Realität und Popkultur. Sie basieren auf echten Lebenswelten, wirken authentisch und vermitteln Wissen, hier vor allem auch kulinarisch. Gerichte stammen häufig aus überlieferten Rezepten, gepaart mit saisonalen und regionalen Lebensmitteln. Um spannend und unterhaltsam zu sein, basiert die Sendung auf einem Wettbewerb mit gegenseitigen Bewertungen und letztendlich einer Siegerin. Persönliche Geschichten und emotionale Momente
strukturieren die Folgen, zeigen aber auch realistisch den Alltag der Landfrau. Und gerade diese Mischung macht ihren Erfolg aus.

Ein Zusammenspiel kann sehr fruchtbar sein

Popkultur und Landwirtschaft wirken auf den ersten Blick wie zwei völlig unterschiedliche Welten – die eine bunt, medial und urban, die andere bodenständig, naturverbunden und oft abseits des Rampenlichts. Bei genauerem Hinsehen zeigen sich jedoch zahlreiche Schnittstellen: Landwirtschaft prägt Filme, Serien, Musik und Werbung, sei es als romantisiertes Landleben, als Kulisse für Geschichten oder als Symbol für Nachhaltigkeit und Regionalität. Gleichzeitig nutzen Landwirt:innen Popkultur gezielt, etwa in Social-Media-Kampagnen, um junge Zielgruppen zu erreichen und die öffentliche Wahrnehmung zu beeinflussen.

Das Zusammenspiel kann also sehr fruchtbar sein – es eröffnet neue Perspektiven auf Landwirtschaft und macht kulturelle Inhalte greifbarer. Entscheidend ist, dass dabei ein authentisches Bild vermittelt wird und nicht nur Klischees bedient werden. Popkultur kann so zu einem Brückenbauer werden, der urbanes
Publikum mit ländlichen Themen verbindet und gesellschaftliche Diskussionen über Ernährung, Umwelt und Landwirtschaft anstößt.

Kurz gesagt: Popkultur und Landwirtschaft passen durchaus zusammen – sie ergänzen sich gegenseitig, wenn man die Chancen der Vermittlung bewusst nutzt.

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Gabi Kunz

Gabi Kunz arbeitet beim Biokreis im Bereich Kommunikation und Online-Medien.