Betriebsübergabe: Vertrauen ist die stillste Art von Mut


Der Generationswechsel gehört zu den tiefgreifendsten Momenten im Leben eines Bio-Unternehmens. Im BNN.Next, dem jungen Netzwerk des Bundesverbands Naturkost Naturwaren e.V., beobachten wir, dass der Druck steigt. In immer mehr Unternehmen steht die Übergabe an Nachfolger:innen an. Und immer öfter treffen damit zwei Welten aufeinander: in den Chefsesseln die Pionier:innen, die ihr Unternehmen mit viel Mut und klarem Kompass aufgebaut haben – und in den Startblöcken die nächste Generation. Sie steht bereit, mitzudenken und weiterzubauen. Sie bringt andere Perspektiven und Kompetenzen mit, während das tief verankerte Erfahrungswissen der Gründer:innen den Übergang trägt.
Es geht um weit mehr als Schlüssel, Verträge, Finanzen und Maschinen: Es geht um ein Lebenswerk. Das loszulassen, ist nicht leicht. Bei jeder Übergabe gibt es die Sorge, dass mit jedem Schritt Richtung Abschied ein Stück Identität verloren gehen könnte. Und die Frage: Wird die nächste Generation diese Identität weitertragen, auch wenn sie das Unternehmen
anders führt?
Übergaben beginnen oft unspektakulär: ein Rundgang durch den Betrieb, Sätze wie „So habe ich das immer gemacht“. Daneben ein junger Mensch, der interessiert zuhört – und gleichzeitig überlegt: „Was würde ich anders machen?“. Genau darin liegt die Verletzlichkeit dieser Phase. Ein Betrieb ist mehr als seine Ausstattung. Er ist ein gewachsenes Etwas aus Überzeugungen, Erfolgen, Fehlern, Geschichten und Beziehungen.
Wer einen Betrieb übergibt, möchte vor allem eins: Dass dieser Schritt gut gelingt – für den Betrieb und die Menschen, die dort arbeiten. Besonders hilfreich ist ein früher Start. Fünf, besser noch zehn Jahre vor dem Ruhestand können schon Dinge geordnet, Prozesse dokumentiert und Investitionspfade angelegt werden. Wenn es möglich ist, kann auch der Nachfolgende eine Weile mitlaufen, um ein gemeinsames Zukunftsbild zu schaffen. So eine Phase sollte aber unbedingt moderiert und von außen begleitet werden, damit die Rollen klar bleiben und kommunikativ nichts schief geht. Es gibt aber auch noch mehr Möglichkeiten. Eine Übergabe muss nicht bedeuten, dass alles in ein einziges neues Paar Hände gelegt wird. Neue Eigentums- oder Finanzierungsmodelle wie
Genossenschaften oder Mitarbeiter:innenbeteiligung verteilen die Verantwortung breit auf viele Schultern. Stiftungen oder Impact-Investing helfen, Risiko und das Kapital gemeinsam zu tragen.
Doch selbst die beste Planung reicht nicht, wenn politische Rahmenbedingungen fehlen. Viele Bio-Verarbeitungs- und Handelsbetriebe kämpfen mit Bürokratie, Förderlücken und Regelwerken, die eher für große Konzerne gemacht sind. Es braucht eine Politik, die diese Realität anerkennt: mit gezielten Förderprogrammen, erleichterten Krediten und der Gleichstellung neuer Beteiligungsformen, damit Betriebe auch ohne familiäre Nachfolge gemeinwohlorientiert
weitergeführt werden können.
Am Ende zeigt sich: Eine Übergabe ist kein Verwaltungsakt, sondern ein Moment voller Geschichte und Zukunft. Sie ist Aufbruch und Abschied zugleich. Übergaben fordern Mut, aber vor allem jenes tiefe Vertrauen, dass Werte bestehen bleiben, auch wenn Wege sich verändern. Und wenn sie gut begleitet sind, kann daraus eine enorme Stärke für die Bio-Branche entstehen, mit Wurzeln, die bleiben, und neuen Trieben, die mutig in die Zukunft wachsen.
Autorin: Anna-Katharina Thiel vom BNN.NEXT