Von Flop-Lagen zu Top-Tagen

Bild: Biene, Biokreis-Imkerei Schindler
Wie Trachtlücken die Honigernte gefährden – und wie Imker:innen gezielt gegensteuern können.
Der Erfolg der Imker:innen hängt nur zum Teil vom handwerklichen Geschick ab. Ein weitaus größerer Faktor für die Gesundheit und Erhaltung der Bienenvölker ist das direkte Umfeld. Dabei spielen der Standort und das rechtzeitige Erkennen und Überbrücken von Trachtlücken eine wichtige Rolle, denn in unserer Kulturlandschaft finden Bienen oft nicht mehr die kontinuierliche Nahrungsgrundlage, die sie benötigen.
Der optimale Standort – Kriterien für’s Bienenwohl
Ein guter Bienenstandort zeichnet sich durch ein ausgewogenes Zusammenspiel aus mikroklimatischen Bedingungen, praktischer Zugänglichkeit und einem reichhaltigen Nahrungsangebot aus.
Da Bienen wechselwarme Tiere sind, brauchen sie für das Fliegen und die Brutpflege eine hohe Nesttemperatur – der ideale Standort reicht daher von sonnig bis halbschattig. Eine Ausrichtung des Fluglochs nach Südosten oder Osten sorgt dafür, dass die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen das Volk erwärmen und die Sammelbienen früh ausfliegen können. Ebenso ist ein wirksamer Windschutz durch Hecken, Waldkanten oder Mauern unerlässlich.
Nahrungsangebot im Flugradius
Für die gute Nahrungsaufnahme bedarf es neben reichlich Nektar und Pollen auch eine gute Erreichbarkeit von Wasserstellen, um den Stock an heißen Sommertagen durch Verdunstung zu kühlen. Befindet sich keine passende Wasserquelle im nahen Umkreis, muss der Imker oder die Imkerin eine Bienentränke errichten.
Obwohl Bienen etwa ein bis zwei Kilometer weit fliegen, bleibt das Trachtangebot an blühenden Pflanzen von Frühjahr bis Herbst der wichtigste Faktor. Monokulturell geprägte Agrarlandwirtschaften bieten zwar eine immense Massentracht, wie etwa durch Raps oder Sonnenblumen, hinterlassen danach jedoch oft eine Wüste an Blütenvielfalt.
Das Phänomen Trachtlücke
Als Tracht bezeichnen Imker:innen die Menge an Honigtau, Pollen und Nektar, die von einem Bienenvolk in den Waben eingetragen werden. Sie ist die natürliche Grundlage für die Bienen und die Honigproduktion. Trachtlücken sind Störungen dieses Nahrungsangebots, bei denen die Verfügbarkeit von Honigtau, Pollen und Nektar in der Natur zurückgeht oder vollständig abreißt.
Typischerweise treten Trachtlücken in Mitteleuropa zu zwei bestimmten Zeiten auf. Die erste kritische Phase zeigt sich oft im Juni, in der Zeit zwischen der abgeblühten Frühlingstracht und dem Beginn der Sommer- und Waldtracht.
Die zweite Trachtlücke erstreckt sich vom Hochsommer bis in den Herbst hinein. Sobald die Getreidefelder abgeerntet sind, bricht das Nahrungsangebot für Bienen vielerorts zusammen. Die Folge ist, dass die Königin die Eiablage drosselt und die Volksstärke schrumpft. Eine anhaltende Trachtlücke im Spätsommer kann die Überwinterung der langlebigen Winterbienen gefährden.
Zudem steigt bei Trachtlosigkeit die Aggressivität der Völker und es kommt vermehrt zu Räuberei, bei der starke Völker versuchen, die Vorräte schwächerer Völker zu stehlen. Dies begünstigt wiederum die Übertragung von Krankheiten und Parasiten.
Trachtlücken effektiv begegnen
Um Standortmängeln effektiv zu begegnen und eine kontinuierliche Versorgung der Völker zu gewährleisten, bieten sich vielseitige Standorte an. Dabei eignen sich urbane Räume, Kleingartenanlagen und Parkanlagen mit einer Vielzahl an Zierpflanzen und Gehölzen, um den Bienen eine stabile Tracht anzubieten. Ebenso weisen Waldrandlagen mit Beerenfrüchten und Laubbaumarten selten Trachtenlücken auf.
Auch kann durch die Absprache mit Landwirt:innen und Gartenbesitzer:innen für eine Verbesserung des Blütenangebotes gesorgt werden. Das Einsäen von Blühstreifen, mit z. B. Klee, füllt die Lücken im Sommer perfekt aus.
Eine weitere effektive Möglichkeit, Trachtenlücken zu vermeiden, ist die Wanderimkerei.
Sobald an einem Standort eine Lücke droht, zieht der Imker. die Imkerin mit seinen Beuten an einen Ort, an dem gerade eine neue Tracht entsteht. Dies erfordert allerdings großem Aufwand im Bereich Logistik, körperlichem Einsatz und behördlicher Genehmigungen.
Trachtverschiebung und Winterverluste
Milde Winter und vermehrte Sommertrockenheit können den Rhythmus der Bienenentwicklung und den Kalender der Imker:innen durcheinanderbringen.
Durch die zunehmende Erwärmung im Winter beginnen einige Pflanzen früher zu blühen, während das Bienenvolk noch nicht stark genug ist, um die Massen an Nektar und Pollen zu »verarbeiten«. Gleichzeitig verkürzen sich die Blühphasen im Sommer, und Pflanzen stellen die Nektarproduktion ein, um Wasser zu sparen.
Ebenso bietet die kalte Jahreszeit den Bienen kaum noch Erholung und die Varroamilbe startet durch die verkürzte brutfreie Phase mit einer riesigen Population in das neue Frühjahr.
Durch die ständige Aktivität im Winter altern die Bienen schneller und sterben vorzeitig ab. Wenn die Völker geschwächt und »varroa-geschädigt« in den Frühling starten, kommt es zum Anstieg von Winterverlusten.
Symbiose auf dem Bio-Hof: Bienenbestäubung im Acker- und Obstanbau
In der ökologischen Landwirtschaft sind Bienen mehr als nützliche Insekten – sie sind systemrelevante Mitarbeiter. Der biologische Anbau verzichtet auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und setzt auf geschlossene Naturkreisläufe. Bienen schlagen hier die Brücke zwischen Flora, Ertrag und Artenschutz.
Besonders der Obstanbau ist auf die Bienenbestäubung angewiesen, um wirtschaftlichen Erfolg zu generieren. Die lückenlose Bestäubung durch Bienen gewährleistet höhere Erträge durch einen maximalen Fruchtansatz.
Ein lebendiges Praxisbeispiel für diese Symbiose bietet der Biokreis-Betrieb Scherhorn in Berge-Dalvers, Niedersachsen. Björn Scherhorn bewirtschaftet den Hof mit Ackerbau und muttergebundener Milchviehhaltung, während Johanna Scherhorn die Imkerei betreibt, die sich in das ganzheitliche Ökosystem des Hofes einfügt. Die Bienen leisten dabei einen wichtigen Beitrag zur Bestäubung und tragen zur Förderung der Artenvielfalt bei.
Seitdem Johanna Scherhorn mit der Imkerei begonnen hat, überlegt ihr Ehemann Björn genau, welche Früchte und Getreidesorten er wo platziert, um ein möglichst hohes Nahrungsangebot für die Bienen zu ermöglichen. »Das oberste Ziel ist, dass die Bienen satt werden«, so Johanna Scherhorn.
Fazit:
Die moderne Imkerei erfordert ein tiefes Verständnis für ökologische Zusammenhänge. Neben einem optimalen Standort sichert das vorausschauende Management von Trachtlücken, gezielter Zufütterung und einem blütenreichen Umfeld das langfristige Überleben der Kolonien.
Denn: Auch Bienen sind kleine Immobilienmakler – ohne die perfekte Lage mit einer Ganzjahresflatrate für Nektar, läuft im Stock recht wenig. Nur wer seinen Bienchen lange Wege der Nahrungssuche erspart, wird am Ende mit flüssigem Gold belohnt.
