Die kleine Honigbiene, Baumeisterin großer Landschaften

Die Honigbiene ist weit mehr als Honigproduzentin: Sie verbindet Landwirtschaft, Landschaft und Ökosysteme. Als Bestäuberin trägt sie seit Millionen von Jahren Blütenstaub von Pflanze zu Pflanze und ermöglicht so Samen und Früchte. Zugleich ist sie Teil eines komplexen sozialen Organismus, dessen Mitglieder über Gerüche, Berührungen, Töne und den berühmten Schwänzeltanz miteinander kommunizieren. Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen, was diese außergewöhnlichen Tiere leisten – und welchen Belastungen sie heute ausgesetzt sind.
Bestäubung als ökologische Dienstleistung
Obst, Beeren, Ölsaaten und zahlreiche weitere Nutzpflanzen profitieren von der Bestäubung durch Insekten. Auch Wildpflanzen sind darauf angewiesen. Die Honigbiene trägt dazu bei, dass sich Pflanzen vermehren und somit Nahrung für andere Tiere entsteht.
Dabei darf man die Honigbiene nicht mit „den Bienen“ insgesamt gleichsetzen. In Deutschland leben neben ihr etwa 600 Wildbienenarten. Für eine vielfältige Landschaft braucht es deshalb beides: gesunde Honigbienenvölker und eine artenreiche Gemeinschaft wildlebender Bestäuber.
Für die Nahrungssuche nutzt ein Bienenvolk einen Landschaftsausschnitt, der sich über mehrere Quadratkilometer erstrecken kann. Es fliegt in Wiesen, Gärten, Hecken, Waldsäume und Felder. Was dort wächst, entscheidet mit darüber, ob ein Volk über das ganze Jahr ausreichend Nahrung findet.
Eine grüne Landschaft ist nicht automatisch eine Bienenlandschaft
Eine intensiv genutzte Agrarlandschaft kann für Bienen zeitweise einer Wüste gleichen. Ein Rapsfeld blüht für kurze Zeit in einem üppigen Gelb, danach verschwindet das Angebot wieder. Zwischen den Blühperioden können Versorgungslücken entstehen. Säume, Hecken, Streuobstwiesen und Brachen schaffen dagegen Nahrung und Rückzugsräume.
Genau hier liegt eine wichtige Aufgabe der Landwirtschaft: Landschaft nicht nur als Produktionsfläche, sondern auch als Lebensraum zu betrachten. Vielfältige Kulturen und Fruchtfolgen, Kleegras, blühende Zwischenfrüchte, extensives Grünland und Strukturelemente können das Nahrungsangebot entzerren. Entscheidend ist nicht, wo es einmal besonders viele Blüten gibt, sondern ob vom Frühjahr bis in den Herbst ausreichend unterschiedliche Nahrung vorhanden ist.
Ein erstaunlich intelligenter Superorganismus
Ein Bienenvolk ist ein hochkomplexes soziales System. Aus dem Zusammenspiel tausender Individuen entstehen Leistungen, die wie kollektive Intelligenz wirken.
Immer wieder besonders eindrucksvoll ist der Schwänzeltanz: Eine Sammlerin kann ihren Schwestern mitteilen, in welcher Richtung und ungefähr welcher Entfernung eine ergiebige Trachtquelle liegt. Honigbienen können außerdem Farben, Formen und Gerüche lernen, sich orientieren und Erfahrungen für ihre Sammelflüge nutzen. Entscheidend ist dabei der Austausch von Informationen innerhalb ihres Volkes.
Auch die sogenannte Blütenstetigkeit ist bemerkenswert. Hat ein Volk eine ergiebige Pflanzenart entdeckt, besucht es zunächst bevorzugt weitere Blüten derselben Art. Für die Pflanze erhöht das die Wahrscheinlichkeit erfolgreicher Bestäubung.
Welche Biene wollen wir halten?
In der modernen Imkerei wurden Eigenschaften wie Honigleistung, Sanftmut, Schwarmverhalten oder Volksstärke gezielt selektiert. Das hat große Vorteile für die praktische Bienenhaltung. Problematisch kann es jedoch werden, wenn Zucht zu stark auf wenige gewünschte Eigenschaften und wenige Linien konzentriert wird.
Der Klimawandel verändert den Bienenkalender
Der Klimawandel verändert Temperaturen, Niederschläge und den jahreszeitlichen Ablauf der Vegetation. Frühere Blühtermine können dazu führen, dass Pflanzen und Bestäuber zeitlich nicht mehr optimal zusammenpassen. Hitze, Trockenheit und Starkregen können das Blütenangebot und die Bienen belasten.
Bienen tragen bei Hitze Wasser ein und erzeugen mit ihren Flügeln einen Luftstrom, um die Temperatur im Brutbereich möglichst konstant zu halten. Gleichzeitig können heiße und trockene Perioden die Nektarproduktion vieler Pflanzen verringern und Starkregen Blütenangebote oder Honigtauerzeuger abrupt beenden.
Warme Winter können erhebliche Folgen nach sich ziehen. Bleibt die Brutentwicklung länger aktiv, fehlen natürliche Brutpausen. Das kann den Lebenszyklus der Varroamilbe begünstigen. Klimawandel und Parasitenproblem sind deshalb nicht unabhängig voneinander zu betrachten.
Die Varroamilbe – ein Gegner im Bienenvolk
Die aus Asien stammende Varroamilbe gehört zu den größten Herausforderungen der europäischen Honigbienenhaltung. Sie vermehrt sich in der verdeckelten Brut, schwächt die Bienen und begünstigt die Übertragung von Viren.
Die ökologische Imkerei setzt auf sorgfältige Beobachtung, vorbeugendes Management und zugelassene Behandlungsmethoden, die die Biologie des Bienenvolkes berücksichtigen. Zum Einsatz kommen unter anderem organische Säuren und biotechnische Verfahren. Langfristig sind Zucht auf Varroa-Toleranz und Varroa-Resistenz, angepasste Betriebsweisen und genetische Vielfalt wichtige Bausteine.
Die Asiatische Hornisse – ein Gegner vor dem Bienenvolk
Eine weitere Herausforderung ist die Asiatische Hornisse (Vespa velutina). Die ursprünglich aus Südostasien stammende invasive Art breitet sich in Europa zunehmend aus. Honigbienen können einen bedeutenden Teil ihrer Beute ausmachen. Vor den Fluglöchern kann die Hornisse den Bienen auflauern und erheblichen Stress verursachen. Längerer Jagddruck kann die Versorgung mit Nektar und Pollen beeinträchtigen.
Für die Imkerei ist ihre Ausbreitung eine neue Aufgabe. Gleichzeitig muss zwischen notwendiger Bekämpfung einer invasiven Art und dem Schutz heimischer Insekten unterschieden werden. Pauschale Maßnahmen gegen Hornissen oder andere Insekten wären ökologisch kontraproduktiv.
Wenn die Zucht zu einseitig wird
Auch die Zucht stellt eine grundsätzliche Frage: Welche Biene wollen wir halten? Eigenschaften wie Honigleistung, Sanftmut, Schwarmverhalten oder Volksstärke wurden gezielt selektiert. Problematisch wird es, wenn die Zucht zu stark auf wenige Eigenschaften und Linien konzentriert wird. Eine möglichst einheitliche Biene ist nicht automatisch eine möglichst widerstandsfähige.
Genetische Vielfalt kann angesichts von Klimawandel und Parasiten ein wichtiger Trumpf sein. Regional angepasste Bienen können Eigenschaften wie Robustheit und regionale Anpassungsfähigkeit mitbringen. Die ökologische Imkerei kann hier einen eigenen Akzent setzen: Im Mittelpunkt sollten nicht maximale Leistung und Vereinheitlichung stehen, sondern Gesundheit, Vitalität und Anpassungsfähigkeit an Standort und Umwelt.
Die Zukunft liegt in der Vielfalt
Die Honigbiene ist weder eine unverwundbare Hochleistungssammlerin noch bloß ein Opfer menschlicher Landwirtschaft. Sie ist ein hochentwickeltes Nutztier, ein faszinierendes soziales Wesen und wichtiger Teil unserer Kulturlandschaft. Ihre Zukunft hängt deshalb nicht allein von den Imker:innen ab.
Eine bienenfreundliche Landschaft beginnt mit vielfältigen Fruchtfolgen, blühenden Zwischenfrüchten, Hecken, Säumen, Streuobstwiesen und einem möglichst kontinuierlichen Nahrungsangebot. Sie setzt sich im Umgang mit Pflanzenschutzmitteln fort und reicht bis zur Frage, wie Bienen gezüchtet und gehalten werden. Honigbienen und Wildbienen dürfen dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden. Ein funktionierendes Ökosystem braucht die Vielfalt beider.
Die wichtigste Botschaft der Honigbiene lautet: Nicht die einzelne Biene ist entscheidend, sondern das Netzwerk, in dem sie lebt. Ein Bienenvolk funktioniert durch Zusammenarbeit – und auch unsere Landwirtschaft wird langfristig nur funktionieren, wenn Boden, Pflanzen, Insekten, Tiere und Menschen zusammengedacht werden. Wer die Honigbiene schützen will, muss deshalb mehr tun, als einzelne Völker zu erhalten. Eine zukunftsfähige Landwirtschaft sollte sich an der Biene ein Beispiel nehmen: Nicht maximale Leistung macht ein System stark, sondern die Fähigkeit, Vielfalt zu erhalten und mit Veränderungen umzugehen.
von Marc Schüller, Biokreis-Imkereiberater Süd