Sonderkulturen: Besonders vielfältig

Spargelanbau
Der Anbau von Sonderkulturen im Ökolandbau ist aufwändig, sorgt aber für gesunde Lebensmittel auf dem Teller und stärkt die Biodiversität. Peter Schmidt gibt einen Überblick.
Der Anbau von Sonderkulturen im Ökolandbau ist aufwändig, sorgt aber für gesunde Lebensmittel auf dem Teller und stärkt die Biodiversität. Peter Schmidt gibt einen Überblick.
Man kann es sich einfach machen. Definiere Sonderkulturen: Sonderkulturen sind letztlich all das, was Mühe macht, Arbeit und Geld kostet – und oft besondere Standortbedingungen braucht. Oder anders gesagt: Gras, Getreide, Hackfrüchte sind es nicht, aber ob Gemüse, Wein oder Obst – Sonderkulturen sichern Geschmack, Vielfalt und vegetarisch orientierten Menschen die Lebensgrundlage.
Vielfalt dominiert. Wobei es lokale und bundesweite Produkte gibt, die einfach in großen Mengen angeboten werden. Auch, weil der Anbau eigentlich ganz gut trainiert ist. Beispiel Möhre: Der Anteil der Biomöhren an der gesamten Möhrenproduktion liegt bei rund 20 Prozent, was schon ein ordentlicher Wert ist. Im Vergleich dazu liegt der Anteil von Bio-Gemüse über alle Gemüsesorten hinweg bei etwa 12,7 Prozent der 2024er Erntemenge, was zeigt, dass Möhren überdurchschnittlich oft in Bio-Qualität gekauft werden. Noch stärker sind die Bio-Kürbisse – deren Anteil an der gesamten Kürbis-Anbaufläche liegt bei nahezu sagenhaften 40 Prozent. Wer es einmal raus hat, bei dem wächst der Kürbis einfach prächtig!
Unter dem Bio-Schnitt aber liegen andere, eigentlich ebenfalls interessante Gemüsesorten. Der Spargel zum Beispiel, der bringt es noch nicht mal auf einen Anteil von 9 Prozent. Dabei ist dieses Gemüse im Frühjahr mindestens ebenso begehrt wie der Kürbis im Herbst. Doch der Aufwand ist eben enorm, was eine Sonderkultur ja auszeichnet. Gerade einmal 6.000 der insgesamt rund 100.000 Tonnen geernteter Spargel-Stangen haben Bio-Qualität. Und der Einstieg für neue Betriebe ist langwierig und kostenintensiv. Drei Jahre dauert die Umstellungszeit für den Spargel, drei Jahre dauert es auch, bis der erste Spargel in den Dämmen erntereif ist. Und weil in der Öko-Landwirtschaft auf die Chemiekeule verzichtet wird, gilt hier wie bei allen Sonderkulturen: Mechanische Krautbekämpfung – mal mit der Hand, mal mit der Maschine. Grubbern und Hacken sind das Maß der Dinge.
Das alleine ist schon aufwändig, doch beim Spargel folgt dann noch die Ernte. Meist händisch gehen die Saison-Arbeitskräfte die Dämme entlang, stechen die Stangen, die einige Jahre zuverlässig nachwachsen, und befördern den Spargel dann in die Kiste, bevor er zur Verarbeitung oder zum Verkauf auf den Hof kommt. Nach zehn Jahren aber ist die Kraft des Bodens erschöpft, dann müssen die nächsten Äcker vorbereitet sein. Spargel ist quasi eine wandernde Sonderkultur spannend, wertschöpfend, aber eben richtig arbeitsintensiv.
Die Gemüse-Betriebe prägen den Bereich der Sonderkulturen – bieten sie doch die Nahrungsgrundlagen auf vielen Tischen. Feld- und Kopfsalat, Sellerie und Bohnen – jede halbwegs ausgewogene Ernährung braucht Gemüse. Und das wächst in Sonderkulturen.
Schaut man genau hin – die Bio-Bauern und -Bäuerinnen sorgen für Vielfalt: Im klassischen Lebensmitteleinzelhandel, da gibt es gerne auch in Bio-Qualität Blumenkohl und Wirsing, Porree und Co. Der Anbau auf großen Feldern hat seine Daseinsberechtigung, ist doch Bio für alle ein wichtiges Ziel. Und dafür braucht es schon Fläche.
Doch – und das ist das Schöne – Sonderkulturen schaffen auch Nischen. Beim Biokreis zum Beispiel in Solidarischen Landwirtschaften, in den Gewächshäusern und den regionalen Beeten kleinerer Gartenbaubetriebe. Da lohnt es sich, genau hinzuschauen. 30, 40 oder auch 50 und mehr Kulturen bauen solche Betriebe an, bedienen ihre Kundschaft mit Geschmack und Vielfalt.
Auf all diesen Betrieben gilt: Hacken, striegeln – das hält die unerwünschten Kräuter fern. Aber die kleinen Betriebe, die können sich auch etwas einfallen lassen. In der Solawi von Gut Kremershof in Nordrhein-Westfalen unterstützen beispielsweise Laufenten den Kampf gegen die Schnecken – in feuchten Jahren eine echte Hilfe. Um die Zahl der unerwünschten Kräuter zu reduzieren, decken viele Betriebe Teile oder ganze Beete mit wiederverwendbaren (!) Vliesen ab. Dann ist es darunter dunkel, da wächst keine Diestel und kein Löwenzahn.
Für die Gärtner:innen ist es eine Binsenweisheit – andere müssen es noch lernen: Es gibt Pflanzen, die saugen die Nährstoffe regelrecht aus dem Boden (Starkzehrer), andere sind da bescheidener (Schwachzehrer). Die Reihenfolge will gut geplant sein – die Fruchtfolge muss stimmen. Irgendwann ist der Boden ziemlich ausgesaugt, auch wenn immer mal wieder tierischer Dung die Nährstoffe auf ein höheres Niveau bringt. Das wussten schon unsere Vorfahren, die zwischendurch ein Feld brach liegen ließen. Heute sind wir schlauer – Leguminosen sind wunderbare Pflanzen. Erbsen, Bohnen, Linsen wie auch Klee, Luzerne und Wicken zählen zu diesen so wichtigen Pflanzen. Sie sammeln an ihren Knöllchenwurzeln Stickstoff – und ohne Stickstoff, da wächst einfach nichts. Nur muss der Stickstoff halt pflanzenverfügbar im Boden gebunden sein.
Bio-Sonderkulturen brauchen Arbeit – Hacken, Striegeln – und Wissen um die kraftgebenden Quellen für den Boden.
Dazu dann noch Mist oder Gülle – und wer das nicht hat, greift gerne zu Bio-Kompost (oder zu Champost aus der Pilzproduktion). So bleibt der Boden fit für den Gemüseanbau. Kunstdünger braucht es nicht – nur Wissen um die Eigenschaften der Pflanzen und des Bodens. Auch weil bei den Bio-Betrieben Stickstoff oft knapp ist, wird – wenn das Management stimmt – der Boden nicht überdüngt. Das wiederum schont das Grundwasser und damit eine der wichtigsten natürlichen Ressourcen.
Fazit: Bio-Sonderkulturen brauchen Arbeit – Hacken, Striegeln, Hacken, Striegeln – und Wissen um die kraftgebenden Quellen für den Boden. Und zwar ganz, wie es die Kultur braucht. Da sind Beerensträucher – hier in dieser Ausgabe der BioNachrichten das Beispiel der anspruchslosen Aronia-Beere – anders zu behandeln als Spargel oder auch Erdbeeren.
Überhaupt – das Obst: wundervolle und geschmacksintensive Sonderkulturen! Auch da bieten die Bio-Bäuer:innen oft weit mehr als den Standard. Botanisch gesehen sind Tomaten ja Beerenobst – aber anspruchsvoller als Aronia oder Brombeeren. Und vielseitiger.
In Biogärtnereien wachsen auch Tomatensorten, die im klassischen Einzelhandel kaum mehr zu finden sind. Je nach Schätzung gibt es weltweit über 10.000 Sorten, vielleicht sogar über 20.000. Wer in seinem Lebensmittelgeschäft an die zehn verschiedenen Tomaten findet, ist schon bestens bedient – und die echten Geschmacksknüller, die Besonderheiten, die gibt es eigentlich nur direkt vom Hof, in der Abo-Kiste, von der Solidarischen Landwirtschaft. Andernorts dominieren die ertragreichen – oft hybriden – Allerweltssorten.
So erhalten Bio-Anbauer:innen durch ihr Engagement auch die Sortenvielfalt, nicht nur bei den Tomaten. Gleiches gilt auch für die Äpfel, den Wein und vieles mehr.
Vielfalt ist Genuss, und der ist eben oft Bio!
Der Autor Peter Schmidt ist Ökolandwirt und Vorstand des
Biokreis Erzeugerring NRW und Niedersachsen e.V.