Praxis in der Hühnerhaltung: Unabhängig machen mit Rasse-Hühnern

Nur Betriebe mit einer hohen Legeleistung können ihre Eier unter anderem über den Einzelhandel und die Supermärkte absetzen.
Ob bio oder konventionell – in den meisten, gerade größeren, Hühnerställen legen Hybridhennen Eier und setzen Masthybriden Fleisch an. Aus gutem Grund. Beispiel Legehennen: Wenn sie optimal aufgestallt und versorgt werden, legen sie über 300 Eier pro Jahr. Und nur mit solcher Legeleistung sind Eier für die Betriebe unter anderem über den Handel in die normalen Geschäfte und Supermärkte abzusetzen. Eine Alternative sind Rasse-Hühner. Mit ihnen lassen sich Nischen erobern.
Zunächst der echte Vorteil der Rasse-Hennen: Mit Rasse-Hennen lässt sich ein echter Hofkreislauf entwickeln. Denn die Rassetiere können vom Betrieb selbst auf dem eigenen Hof vermehrt werden. Was eigentlich ganz einfach ist. Das befruchtete Bio-Ei – und die meisten Eier von Biokreis-Betrieben sind ja befruchtet, da mindestens ein Hahn in der Herde zu halten ist. Wird im eigenen Brutschrank ausgebrütet, die Jungtiere aufgezogen und nach der Wartezeit – oft so um die sechs Monate – fangen die jungen Damen mit dem Eierlegen an.
Die Herren werden dann als Brathahn geschlachtet und vermarktet. Es sollten hin und wieder Vatertiere zugekauft werden zur Blutauffrischung.
Mit Rasse-Tieren kommen alle Hühner vom Hof. Das hat echte Gesundheitsvorteile – die Küken werden in eine Keimumgebung hineingeboren, es werden weniger Krankheiten eingeschleppt. Kreislaufwirtschaft ist eben gesünder – schaut man sich beispielsweise die Verbreitung der Geflügelpest an, dann hat die Übertragung durch Einkäufe bei Junghennen-Anbietenden keinen unerheblichen Anteil.

Rasse-Hühner machen den Betrieb unabhängig. Zumindest die Betriebe, die sich eine eigene Kükenaufzucht zutrauen und leisten wollen.
Das ist ein grundsätzlicher Vorteil – und wer sich darauf einlässt, hat in Deutschland die Wahl zwischen über 200 verschiedenen Rassen. Dabei sind allerdings genügend, die in der Landwirtschaft kaum eine Heimat finden – Spezialrassen wie der Englische Kämpfer beispielsweise mögen mit kriegerischen Eigenschaften punkten, doch die sind in der Landwirtschaft weniger gefragt. Und die Eierleistung ist rein statistisch mit unter 100 eher schwach, das Tier selbst ein dürres Geflügel. Das ist dann eher was für Hobby-Hühnerzüchter:innen, die es gerne mager mögen.
Aber es gibt durchaus eine Anzahl klassischer Hühnerrassen, die mit ordentlichen Eierleistungen punkten können, gleichzeitig robust sind für die ›Draußenhaltung‹ und deren Sympathiepunkte sich vielleicht mit vermarkten lassen. Da sind in der Existenz bedrohte Rassen wie zum Beispiel:
Das Vorwerk-Huhn
Das Vorwerk-Huhn wurde zu Beginn der Industrialisierung von einem Hamburger Züchter namens Vorwerk gezüchtet, der endlich ein Huhn haben wollte, dass auch bei dreckiger Luft aus den Schloten der damaligen Industriebetriebe immer fein aussah. Das ›Ich bin immer sauber‹-Huhn legt dabei auch noch ordentlich Eier.
Der Bergische Kräher
Vor Jahrhunderten das Top-Zweinutzungshuhn, zumindest im Land, in dem die Grafen zu Berg regierten (Bergisches Land). Denn jährlich gab es Krähwettbewerbe und die Besitzer des Gewinner-Hahnes wurden feudal belohnt – das konnte sogar ein Kotten sein, ein kleiner Bauernhof. Heute belohnt die Henne ihre Besitzer:innen mit schneeweißen Eiern, rund 150 Stück pro Jahr, was für Rasse-Hennen schon eine ordentliche Ausbeute ist.
Doch es müssen keine der ganz seltenen Rassen sein – auch leichter verfügbare Rasse-Hühner punkten mit ordentlichen Leistungswerten. Okay, es werden niemals die Leistungen der Hybriden erreicht, doch Eierleistungen um die 200 pro Jahr sind erreichbar. Bei gleichzeitig recht vernünftigen Gewichten für die Brathähne, die dann im Gegensatz zu den Hybrid-Brüdern der Legehennen vernünftig vermarktet werden. Zu den leichter erhältlichen Rasse-Hühnern mit vernünftigen Leistungswerten zählen beispielsweise:
Wyandotten
Die Hennen legen rund 180 Eier im Jahr – was schon ein toller Wert ist. Der Hahn soll so bis 3,8 kg (lebend) erreichen. Und die Wyandotten als ehemals US-amerikanische Hühnerrasse sind in Deutschland ganz ordentlich verbreitet.
Welsumer
Diese aus den Niederlanden stammenden Welsumer-Hühnerrasse gilt ebenfalls als robust und problemlos, ist mit statistischen 160 Eiern pro Jahr etwas schlechter aufgestellt, aber immer noch attraktiv.
Sussex-Hühner
Die Rassehennen sollen es auf 180 Eier im ersten Jahr bringen können – schon ein guter Wert. Doch es werden auch Hybride in Sussex-Form verkauft – letztere lassen sich dann kaum auf dem Hof vermehren.
Apropros Verwechslungsgefahr: Oft werden unter nach Rassehuhn klingenden Namen Hybride angeboten. Besonderes Beispiel: Die Königsberger Hühner. Klingt so, als wären diese wirklich schönen Tiere mit den Flüchtlingen nach den Kriegen zu uns nach Deutschland gekommen. Stimmt aber nicht: Die Königsberger sind echte Hybrid-Tiere, die zwar für die Bio-Haltung geeignet sein sollen. Sie können aber nicht so vermehrt werden, das in der nächsten Generation wirklich ein Königsberger Hühnchen herauskommt – typisch Hybrid eben. Der Ursprung dieser Hybriden liegt wahrscheinlich in Tschechien bei dem Unternehmen Dominant Genetika s.r.o.
Les Bleues und Marans
Zu den Top-Rassehühnern zählt auf jeden Fall das französische Bresse-Huhn (in Deutschland Les Bleues genannt), das immerhin unter realen Bedingungen um die 200 Eier pro Jahr legt. Gut erkennbar an der beigen Farbe. Ebenfalls aus Frankreich stammen die Maran-Hennen. Die legen zwar mit bis zu 180 Eiern etwas weniger, aber die schokobraunen Eier sind ein echter Hingucker.
Wer sich auf Rassehühner einlässt, muss grundsätzlich bedenken: Die meisten legen – im Gegensatz zu den Hybriden – auch trotz möglicher Lichtprogramme im Stall mit saisonalem Verlauf. Einige machen eine echte Winterpause, andere wie die Bresse legen zwar weiter, aber weniger. Das ist im Rahmen der Vermarktung durchaus eine Herausforderung.
Eine zweite Herausforderung ist die Preisgestaltung. Denn die Rassehühner legen zwar weniger Eier, fressen aber durchweg etwas mehr. Da sie nicht so legeleistungsorientiert sind, kommen sie mit einem energie-reduzierten Legemehl aus. Das ist letztlich auch gesünder fürs Tier, und ein wenig günstiger. Solch ein Futter für Rasse- und Zweinutzungshühner allerdings bieten nur wenige an, darunter die Biokreis-Mitglieder Curo Spezialfutter GmbH & Co KG (Ennigerloh) wie auch die Kaisermühle (Arnstein).
Die Beschaffung der ersten Tiere kann auch eine Herausforderung sein – denn kaum ein:e Rassehuhn-Züchter:in ist biozertifiziert. Mit der Aufsichtsbehörde des jeweiligen Bundeslandes und der Kontroll-Organisation ist dann zu klären, ob und wie konventionelle Bruteier durch die Brut auf dem eigenen Betrieb den Biostatus erlangen. Bei alten und gefährdeten Rassen von der Roten Liste (z.B. das Vorwerk-Huhn) ist dies einfacher, dafür gelten Sonderregelungen.
Hybrid-Huhn versus Rasse-Huhn
Der Unterschied ist eigentlich ganz einfach erklärt: Immer, wenn zur Hühnerneubeschaffung Junghennen und/oder Bruteier eingekauft werden müssen und das Ausbrüten auf dem eigenen Hof nicht möglich ist, dann handelt es sich wohl um Hybridrassen. Die sind zwar leistungsoptimiert – aber sie bringen die landwirtschaftlichen Betriebe eben auch in Abhängigkeiten. Rasse-Hühner wiederum machen unabhängiger.
Aber dafür müssen die Eier auch teurer verkauft werden. Betriebe, die mit Rassehühnern kostendeckend arbeiten wollen, die nehmen gerne mindestens 75 Cent pro Ei, durchaus auch mehr.

