Nutzhanf: Vielseitiges Riesengewächs

Von Gabi Kunz | Gepostet am 01.04.2026

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Jahrhunderte war Hanf in Deutschland eine bedeutende Kulturpflanze. Wegen der berauschenden Wirkung seiner Blüten war der Anbau von Cannabis sativa, so der botanische Name, in Deutschland zwischen 1982 und 1996 jedoch verboten. Seit 1996 darf Nutzhanf wieder angebaut werden, allerdings unter strengen Auflagen und nur dann, wenn der Gehalt an THC – das ist der in den Blüten enthaltende psychoaktive Wirkstoff – unter 0,3 Prozent liegt. 

Auch wenn der Hanfanbau seit seiner »Wiedergeburt« kontinuierlich zugenommen hat, ist Hanf in Deutschland noch eine Nischenkultur. Der Anbau von Nutzhanf hat sich nach einem Rekordjahr 2024 im Folgejahr wieder rückläufig entwickelt, jedoch mit starkem Bio-Bezug. Der Schwerpunkt des Hanfanbaus liegt derzeit in Niedersachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. 

Aber auch unweit des Biokreis-Büros in Passau wird Hanf kultiviert. Auf dem Biohof der Familie Hobelsberger in Schellköpfing, direkt vor den Toren der Stadt, gedeiht auf einer kleinen Fläche Nutzhanf.  

Biokreis-Mitglied Heinrich Hobelsberger lebt und arbeitet bis heute auf dem Hof, auf dem er groß geworden ist. Der gelernte Landwirt führte gemeinsam mit seiner Frau Margit viele Jahre einen Milchviehbetrieb. 2005 gab er die Landwirtschaft zugunsten seines Versicherungsbüros auf und baute nebenbei nur noch Mais und Getreide an. »Doch wirtschaftlich hat sich das kaum gelohnt. Also habe ich nach neuen Möglichkeiten gesucht«, erklärt er.  

Im Jahr 2015 brachte Hobelsberger schließlich die ersten Hanfsamen auf einem Teil seiner Felder aus. Anfangs musste er sich noch scherzhafte Fragen wie »Wirst du jetzt zum Drogenbaron?« anhören – dabei hat er mit Cannabis überhaupt nichts am Hut. Doch weshalb entschied er sich gerade für Hanf?  Hanf eignet sich hervorragend für den ökologischen Landbau. Hanf ist weitestgehend anspruchslos, robust und unterdrückt Unkraut. Krankheiten und Schädlinge sind nur äußerst selten ein Problem.  

Aber die Pflanze bietet noch viel mehr. Die Fasern eignen sich ideal für die Herstellung von Seilen, Papier, Verbundwerkstoffen oder Textilien. Und auch die Schäben,  das sind die holzigen Teile des Hanfs, lassen sich sinnvoll verwerten, zum Beispiel als Tiereinstreu oder Bestandteil von Bau- und Dämmstoffen. Der Beweis steht auf Hobelsbergers Hof: Das Erdgeschoss eines zweistöckigen Gebäudeanbaus hat er aus seinem eigenen Hanf gebaut. 

Der Landwirt ist ein wahrer Fan der bis zu vier Meter hohen Pflanze. Sogar kulinarisch habe sie viel zu bieten: »Ein paar geröstete Hanfkörner in der Soße, zum Braten oder im Kartoffelpuffer – ein Genuss! Und bei 0,3 Prozent THC könnte man gar nicht so viel essen, dass man davon high wird«.  

Der Anblick der Pflanzen weckte aber durchaus gewisse Begehrlichkeiten. »Es ist tatsächlich schon passiert, dass sich die Hanfpflanzen um Mitternacht auf seltsame Weise bewegten«, erzählt Hobelsberger schmunzelnd. »Einmal rief sogar die Polizei an, nachdem einige junge Leute mit mehreren unserer Hanfpflanzen im Auto aufgegriffen worden waren. Doch die auf einen Rausch hoffenden Jugendlichen wären enttäuscht gewesen.  

Zwar liegt ein charakteristischer, angenehmer Duft über dem Feld, doch dieser hat nichts mit dem Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) zu tun. Das sind die Flavonoide, eine Gruppe chemischer Verbindungen, deren Hauptaufgabe es ist, Pflanzen Farbpigmente zu verleihen«, erklärt mir Heinrich. »Diese besitzen zwar eine leicht beruhigende Wirkung, lösen jedoch keinen Rausch aus«. 

Hanföl ist reich an ungesättigten Fettsäuren, bietet ein optimales Verhältnis von Omega-6 zu Omega-3 Fettsäuren und enthält einen Anteil an der sehr seltenen und hochwertigen Gamma-Linolensäure. Diese essenzielle Fettsäure ist an verschiedenen Stoffwechselprozessen beteiligt und kann entzündliche Erkrankungen positiv beeinflussen. Sehr schmackhaft ist es in Salatdressings, in Brotaufstrichen und Dips oder auch im Müsli. Nur erhitzt werden möchte es bitte nicht!

Familie Hobelsberger selbst erzeugt aus den gedroschenen Hanfsamen kaltgepresstes Bio-Hanföl und Bio-Hanfpresskuchen. Als Kaltpressung bezeichnet man den Prozess, bei dem die Saat mithilfe einer speziellen Ölmühle rein mechanisch gepresst wird. »Zur Pressung verwenden wir nur Saaten aus eigenem Anbau«, so Tochter Katharina. »Das daraus entstehende Öl wird nicht extrahiert, raffiniert oder thermisch behandelt. Wir achten besonders auf eine langsame und schonende Pressung, indem wir die Drehzahl des Motors der Ölpresse niedrig halten. Somit entstehen keine hohen Temperaturen und die Öle erhalten ihren milden Geschmack«.  

Um einen Liter Öl zu produzieren, benötigt man rund vier kg Saatgut und etwa 30 Minuten Zeit. Ist das Öl fertig gepresst, muss es ca. 14 Tage kühl lagern, damit sich Schalenteile absetzen und das Öl ganz klar wird. »Unsere Öle werden nicht filtriert und sind natürlich ohne Zusatzstoffe«.  

Hanfsamen
Hanföl

Nutzhanf enthält wertvolle ätherische Öle, weshalb er sich hervorragend beim Einsatz in der Aromatherapie und Naturmedizin eignet und dabei helfen kann, zu Ruhe und Gelassenheit zu finden. Auch die Kosmetikbranche profitiert von dieser wahren Wunderpflanze. 

Katharina bedauert es sehr, dass Nutzhanf immer noch ein Nischenprodukt ist. Doch für die vernünftige Verarbeitung der Fasern fehle in Deutschland einfach die Infrastruktur. »Wenn die nächste Aufbereitungsanlage 500 Kilometer entfernt liegt, lohnt sich das einfach nicht mehr«. Dazu kommt, dass der Anbau und die Ernte von Nutzhanf mit einem relativ hohen bürokratischen Aufwand verbunden ist. »Mitunter ein Grund, warum auch wir den Anbau wieder reduziert haben«. 

Hanfdrusch

Familie Hobelsberger steht beim Nutzhanf-Anbau nicht der finanzielle Gewinn im Vordergrund, sondern die Überzeugung, dass sie durch die biologische Bewirtschaftung ihrer Flächen aktiv zur Förderung der Bodengesundheit, der Biodiversität und einer nachhaltigen Landwirtschaft beitragen und dabei ein hochwertiges Bio-Speiseöl produzieren.

Quellen: Ökolandbau.de, PNP

Im Internet: www.schellkoepfing.de 

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Gabi Kunz

Gabi Kunz arbeitet beim Biokreis im Bereich Kommunikation und Online-Medien.