Geschlechtsbestimmung im Ei – Biokreis als Vorreiter

Die Mitgliederversammlung des Biokreis e.V. hat beschlossen, dass die Mitgliedsbetriebe künftig die Wahl haben. Unter strengen Auflagen ist nun auch die Geschlechtsbestimmung im Ei erlaubt. Damit ermöglicht der Biokreis als erster der Öko-Verbände in Deutschland ein Mehr an Nachhaltigkeit. Von Peter Schmidt
Doch ganz von vorne: Seit 2022 ist das Kükentöten in Deutschland verboten. Damit war Deutschland das erste Land in Europa. Die Verbände gingen noch einen Schritt weiter – es wurde nicht nur das Kükentöten verboten, es wurde auch die Aufzucht der Brüder, der männlichen Küken, verpflichtend. Und zwar verpflichtend unter öklogischen Bedingungen, das gehörte zum Konzept. Damals gingen alle Beteiligten davon aus, dass sich erstens ein Trend zum Zweinutzungshuhn (mit schwereren Hähnen) einstellen würde und dass zweitens die Kundschaft den Bäuerinnen und Bauern die Bruderhähnchen liebend gerne abnehmen würde.
Ursprünglich sollte das Zweinutzungshuhn gefördert werden
Denn eigentlich, das war klar, wollten die Öko-Verbände das Zweinutzungshuhn fördern. Ein Huhn, das genügend Eier legt und auch ausreichend Fleisch ansetzt, damit sich die Hähne als Brathahn vermarkten lassen. So würde das energiereiche Futter sinnvoll eingesetzt werden.
Doch dann änderte sich die Welt: Russland überfiel die Ukraine, auch in Deutschland machte sich anhaltende Krisenstimmung breit. Die Corona-Zeiten, als die Menschen bereit waren, für gute Lebensmittel mehr Geld auszugeben, waren längst vorbei. Der Bio-Markt berabbelte sich wieder, aber langsam. Während die Preise steigen, schauen die Bürgerinnen und Bürger aufs Geld. Die Rahmenbedingungen für teurere Produkte verschlechterten sich zusehends.
Die Bruderhähne benötigen energiereiches Futter ohne ordentlich Fleisch anzusetzen
Hinzu kommt: Die Bruderhahn-Aufzucht ist nicht wirklich nachhaltig. Denn die eingesetzten Hybrid-Legehennen sind gezüchtet, um möglichst effizient Eier zu legen. Die Energie aus dem Futter geht ins Ei, nicht ins Fleisch. Bei den Brüdern ist es ähnlich: Sie benötigen energiereiches Futter, ohne wirklich ordentlich Fleisch anzusetzen. So wird jedes Hähnchen mit hohem ökologischen Fußabdruck aufgezogen.
Das macht nur dann Sinn, wenn sich auch genügend Menschen finden, die den Ansatz gut finden und unterstützen – einige Biokreis-Betriebe haben sich ein solches Netzerk an engagierten Kund:innen und Abnehmer:innen aufgebaut.
Doch Legehennen-Halter:innen, die auf den üblichen Wegen direkt vermarkten oder den Einzelhandel beliefern, tragen zwar die Kosten für die Bruderhahn-Aufzucht, erhalten aber keinen Gegenwert. Im Gegenteil: Sie zahlen drauf, ihre Eier sind teurer als andere Bio-Eier. Der Gewinn, der sich bei Eiern ohnehin im Cent-Bereich bewegt, wird noch weiter minimiert.
Darauf hat der Biokreis reagiert. Grundsätzlich gilt: Biokreis fördert und wünscht sich gute Zweinutzungstiere – ob Rasse oder Hybriden. Doch solange dies nicht mit einem Konzept, bei dem Bio für alle verfügbar sein soll, realisierbar ist, haben die Biokreis-Legehennenbetriebe die Wahl: Entweder sie lassen die Bruderhähne aufziehen (oder tun dies selbst), oder sie lassen das Geschlecht im Ei bestimmen.
In-ovo-Geschlechtsbestimmung bei Biokreis strenger als das Gesetz
Dabei sind die Vorgaben der In-ovo-Geschlechtsbestimmung nach Biokreis-Richtlinien strenger als es das Gesetz vorgibt, das für EU-Bio-Betriebe gilt. Aktuell ist es generell verboten, die Bebrütung von Eiern ab dem 13. Tag abzubrechen. Denn bis zum 12. Tag sollen die Embryonen kein Schmerzempfinden haben.
Dies war das Ergebnis verschiedener Studien, die 2023 veröffentlicht wurden. Zuvor war man von einem früheren Datum ausgegangen, an dem das Schmerzempfinden beim Embyro eintritt.
Biokreis auf Nummer sicher
Auch hier geht der Biokreis auf Nummer sicher: Bis einschließlich dem 9. Tag (!) muss das Geschlecht bestimmt sein. Und weil bei der In-ovo-Geschlechtsbestimmung technische Fortschritte zu erwarten sind, liegt der Ziel-Wert beim 7. Tag. Denn der Sicherheitsabstand zum möglichen Zeitpunkt, an dem die Embry-onen Schmerzen empfinden könnten, soll möglichst groß sein.
Auf dem Markt gibt es derzeit verschiedene Verfahren, die eine Ge-schlechtsbestimmung im Ei erlauben. Optische Verfahren durchleuchten das Ei. Ein Verfahren erkennt an der entstehenden Gefiederfarbe das Geschlecht, was allerdings nur dann funktioniert, wenn es sich um ›Braunleger‹ handelt, bei welchen das Gefieder der Hähne weiß ist. Aber: Dafür müssen dem Embryo erst Federansätze wachsen. Das ist so um den 12. Bruttag – also zu spät, zu nah an der Schwelle zur Schmerzempfindung.
Bei einem anderen Verfahren werden die Eier ebenfalls durchleuchtet, wenn sie im Rahmen einer MRT (Magnetresonanztomographie) gescannt werden. Dank Hightech und KI soll das System an der Entwicklung des Embryos das Geschlecht erkennen – aber auch erst ab dem 12. Tag – also zu spät.
Die gute Nachricht: Ein weiteres Verfahren, das ›Seleggt‹-Verfahren funktioniert bis einschließlich dem 9. Tag. Mit einem Präzisionslaser wird ein winziges Loch, quasi eine weitere Pore, in das Ei gebohrt. Daraus kann dann der Harnstoff des Embryos entnommen werden. Diese Allantoisflüssigkeit, die Ausscheidungen des Embryos, ermöglicht die Unterscheidung zwischen Henne und Hahn dank der DNA-Untersuchung. Vom Prinzip ist dies eigentlich nichts anderes als die Fruchtwasser-Untersuchung bei menschlichen Schwangeren, nur dass hier der Harnstoff untersucht wird. Der Embryo bleibt unangetastet, das winzige Löchlein im Ei wird mit Bienenwachs verschlossen.
Nachfrage nach dem ›Seleggt‹-Verfahren wächst deutlich
Malte Wolter, Geschäftsführer der ab ovo bio GmbH in Delbrück (NRW) hat mehrere Millionen in einen Neubau für diese Technik investiert. Seit Februar 2026 arbeitet er erfolgreich nach dem ›Seleggt‹-Verfahren. Die Anfragen häufen sich. »Für dieses Jahr sind wir bereits ausgelastet«, sagt Wolter. Wer also an eine Hühnerbeschaffung für 2027 denkt, sollte sich bereits jetzt kümmern.
Übrigens: Die angebrüteten Bio-Eier werden beim Unternehmen ab ovo ebenfalls verwertet – die Proteine werden aktuell für Fischfutter genutzt. Es wird also nichts weggeworfen.

Kosten für Futtermittel und Transport sinken
Aber es wird einiges gespart. Geht man davon aus, dass ein Hähnchen bei der Aufzucht etwa 120 Gramm pro Tag an Nahrung aufnimmt und legt einen üblichen Stall für 3.000 Legehennen als Maßstab zugrunde, dann spart ein Landwirtschaftsbetrieb täglich 360 Kilogramm energiereiches Futter. Bei rund 12 Wochen Mastzeit macht das etwa 30 Tonnen an Raps, Soja und Getreide, die jetzt für andere Zwecke eingesetzt werden können.
Dazu entfallen einige Transportkilometer, berichtet Malte Wolter. Dem Unternehmen fiel es immer schwerer, Mastplätze für die Bruderhähne zu finden. Lange Zeit waren in Deutschland und Österreich wie auch Polen ausreichend Mastkapazitäten vorhanden. Doch nun sinken in Deutschland und Österreich die Mastplätze, ein Ausweichen auf Kapzitäten in Ungarn wäre unabdingbar.

Eine Lösung für alle: Wahlfreiheit
Mit dem Beschluss der Mitgliederversammlung hat der Biokreis e.V. eine Lösung für alle gefunden: Wahlfreiheit. Wer seine Bruderhähne gut vermarkten kann, kann dies auch weiterhin tun (siehe Betriebsporträt Grosserhof, Seite 24).
Die Geschlechtsbestimmung im Ei unter den strengen Kriterien spart Rohstoffe (Futter) und die ›Verbands‹-Hennen sind nur noch einen Euro teurer als die EU-Bio-Hennen – damit sind Biokreis-Eier lukrativer auch für Landwirt:innen, die den Bruderhahn eben nicht mehr zahlen müssen, ohne ihn je gesehen zu haben.
