Die Ökologische Landwirtschaft befindet sich bereits im Spannungsfall

Liebe Leserinnen, liebe Leser!
Es liegen ereignisreiche Tage und Wochen hinter uns. Ereignis- und erkenntnisreiche.
Bio, das sicherste und strengst kontrollierte Label Europas, steht zunehmend unter Druck. Die Gefahr kommt dabei nicht von innen, sondern von außen. Diese Erkenntnis sitzt.
Das Label – und ja, das gesamte Konzept ›Bio‹ – wird politisch, gesellschaftlich und ökonomisch zunehmend hinterfragt. Und das, obwohl es dem Markt, dem Bio-Markt, grundsätzlich gut geht und noch deutlich besser gehen könnte.
Man könnte jetzt das Gutachten der Monopolkommission zitieren und darüber sinnieren. Man könnte wirtschaftliche und politische Entscheidungen der vergangenen und kommenden Monate auseinandernehmen und darüber streiten, wie man es besser machen müsste. All das tun wir – in unserem Alltag als Interessenvertreter unserer Branche in Berlin und Brüssel. Man könnte auch einen Blick über die Grenzen werfen und analysieren, wie unsere Nachbarn mit diesen Herausforderungen umgehen. Auch das tun wir.
Die Ökologische
Landwirtschaft befindet sich
bereits im Spannungsfall
Simon Krischer im Deutschen Bundestag am 20.05.2026
Heute richten wir den Fokus jedoch auf ein sehr konkretes Thema: das deutsche Ernährungssicherstellungs- und -Vorsorgegesetz, kurz ESVG. Darüber diskutierten wir im Deutschen Bundestag – unter anderem auf Einladung von Dr. Ophelia Nick.
Die Lebensmittelversorgung in Deutschland ist aktuell stabil. Doch was würde bei Stromausfällen, unterbrochenen Lieferketten, Naturkatastrophen oder gar hybriden und militärischen Angriffen passieren? Wie autonom und krisenfest sind wir als Gesellschaft dann wirklich? Die Antworten darauf sind komplex. Wir diskutierten über Ravioli-Reserven, den Operationsplan Deutschland, Netzsicherheiten, das ESVG, Dezentralität, Bürokratiepralinen, die IPC-Skala (Integrated Food Security Phase Classification), Marktinterventionen, internationale Solidarität, die EU27, Resilienz, staatliche und private Vorsorge, Lieferketten – und vieles mehr.
Bemerkenswert war dabei vor allem eines: Es gab keine parteipolitischen Spielchen. Stattdessen herrschte breite Einigkeit darüber, dass wir nur gemeinsam resilienter werden können.
Wir leben offiziell im Frieden – und befinden uns doch de facto in einem Spannungsfall. Niemand wünscht sich den Verteidigungsfall als nächste Eskalationsstufe. Seine Möglichkeit jedoch auszublenden, wäre fahrlässig.
Und genau hier stellt sich die entscheidende Frage: Welchen Platz haben Landwirtschaft, ökologische Landwirtschaft und der Biokreis in diesen Überlegungen?
Unsere Antwort darauf sollte selbstbewusst sein.
Denn gerade die dezentralen Strukturen, die regionale Verankerung und die enge Zusammenarbeit innerhalb des Biokreis-Kosmos können Teil der Lösung sein – nicht nur für unsere Branche, sondern für die Gesellschaft insgesamt. Resilienz entsteht nicht allein durch Zentralisierung, sondern auch durch Vielfalt, Nähe und funktionierende regionale Netzwerke.
Auch der LEH positioniert sich bereits als Partner des Staates, um im Krisenfall Lager, Logistik, Personal und Dienstleistungen bereitstellen und abrechnen zu können.
Das ESVG regelt jedoch weit mehr: von Produktionsplanung bis hin zur Verantwortung über Vermarktungsstrukturen. Deshalb dürfen wir hier nicht nur Zuschauer sein. Wir müssen unsere Perspektiven einbringen, Verantwortung übernehmen und aktiv mitgestalten.
Denn gerade in Zeiten wachsender Unsicherheiten zeigt sich: Ökologische Landwirtschaft ist kein Luxus für gute Zeiten. Sie ist Teil einer zukunftsfähigen, resilienten und verantwortungsvollen Versorgungssicherheit.
