Mit Veränderungen leben

Bio-Winzer Hermann Dumbsky, Marienhof. Foto: Tobias Köhler
Der Marienhof in der fränkischen Weinregion bei Volkach ist seit Generationen vom Weinbau geprägt. Bio-Winzer Hermann Dumbsky hat gelernt mit dem Wandel umzugehen. Ein Porträt von Elena Georgieva
Am Telefon kommt Hermann Dumbsky vom Marienhof ins Erzählen. Es ist ein ehrliches und offenes Gespräch, das immer wieder überrascht und neue Einblicke in den Alltag des Bio-Winzers erlaubt. Und eine ruhige Annäherung an einen Betrieb, der seit Generationen vom Weinbau lebt – und an einen Winzer, der viel über Wandel, Natur und Zeit weiß.
Der Marienhof ist ein Familienbetrieb. Vieles, was hier heute selbstverständlich wirkt, ist über Jahre gewachsen. Entscheidungen wurden nicht am Reißbrett getroffen, sondern im Alltag, im Rhythmus der Natur. Genau daraus entsteht die Haltung, die den Hof bis heute prägt.
Sehr schnell kommt er auf das zu sprechen, was für ihn alles trägt: den Boden. Nicht als romantische Vorstellung, sondern als Grundlage jeder Arbeit im Weinberg. Dort beginnt für ihn der Wein, dort entscheidet sich, was später im Glas landet.
»Ich habe gelernt, dass der Boden das Wichtigste ist.« Ein Satz, der weniger Erklärung als Haltung ist.
Denn so planbar Weinbau auch wirkt – er bleibt abhängig vom Wetter, vom Jahr und von Entwicklungen, die sich nicht kontrollieren lassen. Diese Erfahrung hat sich über Jahrzehnte eingeprägt, auch durch die Generationen, die den Betrieb aufgebaut und weiterentwickelt haben. Deshalb gehört für ihn auch etwas anderes dazu: nicht zu weit vorausdenken, nicht alles durchplanen, sondern im Moment bleiben.
»Wenn ich am Montag schon an Freitag denken muss, ist alles verkehrt.«
Diese Haltung zieht sich durch den gesamten Betrieb. Auch im Keller geht es nicht darum, den Wein zu formen wie ein Produkt, sondern ihn zu begleiten. Vieles bleibt bewusst so, wie es entsteht. Eingriffe werden reduziert, Entscheidungen eher zurückhaltend getroffen.
»Ich mache wirklich nur das Nötigste mit meinem Wein.«
Der Ansatz ist einfach: Der Wein soll sich entwickeln dürfen – ohne Überladung, ohne ständige Korrektur. Selbst Dinge, die in der klassischen Kellertechnik oft verändert werden, lässt er bewusst zu. Nicht aus Prinzip, sondern aus Überzeugung.
»Ich lasse viele Dinge im Wein ganz bewusst drin.«
Auch bei den Gerbstoffen bleibt diese Linie bestehen. Während andere Winzer:innen sie gezielt reduzieren, um Weine weicher zu machen, entscheidet er sich dagegen.
»Die Tannine könnte ich nehmen, damit der Wein runder schmeckt. Aber ich lasse sie bewusst drin.« Der Grund ist einfach: »Weil mir die Weine so gut schmecken.«
Wein ist für Hermann Dumbsky kein technisches Produkt, sondern Genuss. Etwas, das nicht erklärt, sondern erlebt wird. Entscheidend ist nicht die Methode, sondern der Moment im Glas. »Wein ist Genussmittel«, sagt er. Oder noch einfacher: »Man soll nur Wein kaufen, der einem persönlich schmeckt.«
Diese Haltung prägt auch den Umgang mit den Menschen, die auf den Hof kommen. »Die Weinverkostungen folgen keinem starren Programm, sondern sind lebendige Gespräche. Keine Hektik, sondern Zeit für Begegnungen.«
Der Marienhof ist dabei auch ein Ort im Wandel geblieben – nicht nur im Weinberg, sondern auch im Alltag. Früher kamen viele Gäste direkt, oft aus der Region oder über persönliche Kontakte. Heute läuft vieles über neue Wege, über Distanz und digitale Plattformen.
»Die Leute kaufen kleinere Mengen und probieren mehr verschiedene Weine«, sagt Dumbsky.
Diese Veränderung hat sich über Jahre entwickelt, wurde aber durch die Corona-Zeit deutlich beschleunigt. Der direkte Kontakt wurde weniger, der Online-Verkauf wichtiger.
»Zum Glück hatten wir schon vor der Pandemie einen Online-Shop.«
Ein Satz, der nüchtern klingt, aber viel über diesen Umbruch erzählt.
Gleichzeitig hat sich der Hof weiter geöffnet. Neben dem Weinbau gehören heute auch Schafe und Alpakas dazu. Sie sind Teil der Landschaftspflege und gleichzeitig eine besondere Attraktion für die Gäste. »Alpakas sind ein Social-Media-Magnet.«
Aus dieser Idee entstanden auch Weinverkostungen zwischen den Alpakas. Während die Gäste die Weine probieren, sorgen die Tiere für eine besondere Atmosphäre und machen die Verkostung zu einem außergewöhnlichen Erlebnis. So verbindet der Marienhof Natur, Genuss und Begegnung auf ganz eigene Weise.
Wer keinen Wein trinken möchte, kann Saft trinken. Auch das gehört inzwischen zum Selbstverständnis des Hofes. Die Weinproben selbst bleiben bewusst klein. Keine großen Gruppen, sondern überschaubare Runden, in denen echte Gespräche möglich sind.
»Wenn ich 18 Leute vor mir habe, kann ich individuell auf die Menschen eingehen«, sagt Dumbsky. Es ist diese Nähe, die den Betrieb prägt – und die sich nicht beliebig erweitern lässt.
Auch ein Gästehaus gehört zum Marienhof. Früher wurde vieles direkt gebucht, heute läuft ein großer Teil über Plattformen. Auch das verändert den Kontakt zu den Gästen.
»Neben dem klassischen Weinbau entstehen neue Ideen. Eine davon ist ein Getränk aus Traubensaft und Aronia.«
»Tronia« ist eine Verbindung aus Bewährtem und Neuem: »Zwei Drittel Traube, ein Drittel Aronia.« Wie alle Weine des Marienhofs Biokreis-zertifiziert.
Und dann ist da noch das Klima. Auch kein abstraktes Thema, sondern etwas, das den Alltag direkt beeinflusst. Im Weinberg, in den Jahren und in den Ernten. Hitze, neue Schädlinge und Sonnenbrand an den Trauben – all das ist inzwischen deutlich spürbar geworden.
»Das Klima hat sich in den letzten 30 Jahren stark verändert. Da kann man wenig machen, nur zuschauen und sich darauf einstellen.«
Seinen eigenen Weg in den Weinbau hatte Hermann Dumbsky nicht geplant. Er hatte ursprünglich andere Vorstellungen – etwas außerhalb der Landwirtschaft. Doch wie so oft in Familienbetrieben hat sich der Weg anders ergeben: durch Nähe, Verantwortung und Zeit.
»Mein Traum war eigentlich ein anderer. Dann bin ich doch Winzer geworden.« Heute klingt das nicht nach Verlust, sondern nach einem Weg, der sich entwickelt hat. Ein Weg, den Dumbsky nicht bereut. »Im Nachhinein war es die richtige Entscheidung.«
Am Ende des Gesprächs steht kein großes Fazit. Eher der Eindruck: ein Betrieb, der gewachsen ist – aus der Familie heraus, aus Erfahrung, und aus Anpassung an die Erfordernisse der Zeit.
Vielleicht ist der Marienhof genau das: kein fertiges System, sondern ein Ort, an dem Boden, Wetter, Tiere und Menschen zusammenwirken – getragen von einer Familie, die gelernt hat, mit dem Wandel zu leben.
Wer den Marienhof kennenlernen möchte, kann an einer Weinverkostung teilnehmen. Weitere Informationen:
www.dumbsky-marienhof.de
