Frauen in der Landwirtschaft: Gift im Weinberg

Landarbeiterin in Südafrika. Foto: Women on Farms Project / INKOTA-netzwerk
Weltweit sind es vor allem die Frauen, die in der Landwirtschaft unverzichtbare Arbeit leisten. Im UN-Jahr der Frauen in der Landwirtschaft werfen wir einen Blick auf die Situation von Landarbeiterinnen im konventionellen Weinbau in Südafrika.
Der Grund hierfür kommt aus Bayern.
Ganz im Süden Südafrikas, in den Weinbergen der Provinz Western Cape, beginnt der Arbeitstag für viele Frauen mit Unsicherheit: Sie wissen oft nicht, wann gespritzt wird – ob mit Handsprühgeräten oder von Traktoren aus. Wer in den Reihen arbeitet, jätet, Reben hochbindet oder Trauben erntet, ist den hier eingesetzten Pestiziden ausgesetzt. Und wer in den kleinen Häusern wohnt, die unmittelbar an die Plantagen grenzen, bekommt die Abdrift mit – durch offene Fenster, in den Gärten, auf der Wäscheleine, bis in die Kinderzimmer. Familien leben buchstäblich in der Sprühwolke.
Eines der Mittel, das hier zum Einsatz kommt, heißt Dormex. Der Wirkstoff Cyanamid wird genutzt, um den Austrieb der Reben künstlich zu steuern – die Pflanzen werden quasi aus dem Winterschlaf geweckt, damit Ernte und Reife planbar werden. Hergestellt wird Dormex von einem Unternehmen in Oberbayern.
In der EU ist Cyanamid seit 2008 verboten. Grund hierfür waren unter anderem Vergiftungsfälle bei Landarbeiter:innen in Italien sowie die Einschätzung europäischer Behörden, dass selbst bei Verwendung persönlicher Schutzausrüstung die zulässigen Expositionsgrenzwerte um ein Vielfaches überschritten werden. Cyanamid gilt zudem als reproduktionstoxisch – besonders gefährdet sind Frauen im gebärfähigen Alter.

Aus Südafrika berichten Landarbeiterinnen von Atembeschwerden, Hautausschlägen, Menstruationsstörungen und Fehlgeburten nach Kontakt mit Dormex. Schutzausrüstung? Oft Fehlanzeige. Schulungen? Selten. Informationen darüber, wann und wo gespritzt wird? Kaum vorhanden.
Ein Blick nach Neuseeland zeigt, wie widersprüchlich die globale Pestizidregulierung ist: Dort wurde Cyanamid 2024 nach jahrelanger Prüfung erneut zugelassen – mit der Begründung, die wirtschaftlichen Vorteile für den Obstanbau überwögen die Risiken. Nicht weil das Mittel als unbedenklich gilt, sondern weil eine Abwägung zugunsten der Ökonomie getroffen wurde. Genau dieses Muster sehen wir auch bei Dormex: doppelte Standards. In Europa als zu riskant erachtet, anderswo aber auf wirtschaftlichen Gründen vertretbar.
Auf doppelte Standards haben auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), Slow Food, dem Umweltinstitut München und andere Verbände gemeinsam im Mai 2026 aufmerksam gemacht und eine angepasste EU-Regulierung gefordert. Demnach werden viele in der EU verbotene Mittel sowohl in der Tier- wie in der Pflanzenproduktion in anderen Weltregionen zugelassen, zum Beispiel in den Mercosur-Staaten. Dadurch können die dortigen Landwirtschaftsbetriebe Kostenvorteile gegenüber den EU-Landwirt:innen erzielen. In der Folge wächst der Druck auf die bäuerliche Landwirtschaft in der EU. Durch den Import derart mit Giften behandelter Lebensmittel kehren die schädlichen Wirkstoffe als Pestizid-Rückstände am Ende nach Europa und zu den hiesigen Verbraucher:innen zurück.
Genau hier setzt auch die Partnerschaft zwischen der Organisation INKOTA-netzwerk in Deutschland und der NGO Women on Farms Project in Südafrika an. Das Projekt informiert seit Jahren Landarbeiterinnen und Bewohnerinnen auf den Farmen, dokumentiert Vergiftungsfälle und setzt sich für die Rechte der Frauen ein, deren Leben von prekären Arbeitsverhältnissen und der Abhängigkeit von den Farmbesitzern bestimmt ist. Es geht um Löhne, Wohnraum und Gesundheitsversorgung gleichermaßen. Für die betroffenen Frauen ist Dormex daher kein isoliertes Problem, sondern eng verbunden mit grundlegenden Arbeits- und Menschenrechten.
Gemeinsam mit dem deutschen Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) hat das INKOTA-netzwerk die Problematik von Dormex umfassend dokumentiert und fordert vom Hersteller einen Exportstopp. Die Verbände haben auch den Dialog mit dem Unternehmen gesucht, das sich aber uneinsichtig zeigt. Das Mittel sei bei ordnungsgemäßer Anwendung sicher – eine Behauptung, die völlig an der dokumentierten Realität im Weinberg und am Alltag der betroffenen Frauen vorbeigeht.
Vorsicht also beim Griff ins Weinregal: Wo Dormex eingesetzt wurde, ist für hiesige Kund:innen in der Regel nicht erkennbar. Klar ist nur: Im Bio-Weinbau und beim Anbau von Bio-Trauben darf Cyanamid nicht verwendet werden. Wer zu Bio greift, schützt nicht nur Boden und Reben, sondern auch die Gesundheit der Frauen in den Weinbergen, die die Trauben anbauen, pflegen und ernten.
Silke Bollmohr / Udo Tremmel