Die Kunst mit den Säumen

Foto: Tobias Köhler
In der Nachkriegszeit sind im Zuge der landwirtschaftlichen Entwicklung zahlreiche Zwischenräume auf den Feldern, am Wegrand, an Bach- und Waldrändern und in den Dörfern verloren gegangen – die Säume. Genau da nistet aber die Biodiversität. Mit überschaubaren Maßnahmen kann Vielfalt teilweise wiedergewonnen werden.
Es sind oft schmale Streifen voller Vielfalt – ob sie nun AckeRsaum heißen, Dorfsaum, Waldsaum, Ufersaum, Lichtsaum… Säume sind’s, die auf wenig Raum viel Platz für Vielfalt bieten. Und diese Plätze der Vielfalt können nur mit der Landwirtschaft geschaffen und erhalten werden.
Blicken wir zurück, durchaus ein paar Jahrzehnte: Mit den immer größeren Maschinen in der Landwirtschaft sollten auch die bewirtschafteten Flächen wachsen. Per Flurbereinigung wurden Flächen zusammengelegt. Wenn landwirtschaftliche Betriebe zusätzliche Flächen pachteten, dann am liebsten solche, die direkt an ihre eigenen angrenzten. Die Flächen wurden zusammengelegt, sodass sich gleich mehrere Hektar in einem Zug beackern oder für das Silo mähen ließen. Und schaut man beispielsweise nach Niedersachsen, wo die landwirtschaftlichen Strukturen eben groß sind, da kann entspannt das GPS den Schlepper steuern, da ist wenig im Wege, was menschliches Eingreifen notwendig machen würde.
Es machte Landwirtschaft einfacher, da war man sich seit den 1970er Jahren einig. Naja, nicht alle, aber genug, um Landschaften zu verändern – auszuräumen.
Dabei gingen sie verloren – die Säume, die Randstrukturen. Denn Säume, das sind die Flächen, die einen Übergang darstellen. Einen Übergang vom Wald auf die Wiese, vom Acker auf die Weide, den Weg entlang – wo auch immer. Das sind dann die weniger intensiv genutzten Ränder, die es in den 1950er Jahren nahezu überall gab. Damals war die Landwirtschaft noch kleinteiliger strukturiert. Wer heute in Regionen mit Realteilung einen Blick auf die Flurstückkarten wirft, kann das noch nachvollziehen. Es gab deutlich mehr Wege – und damit auch mehr Übergänge zwischen Wegen und landwirtschaftlichen Flächen. Die Flächen wurden zwar intensiv genutzt, allerdings mit deutlich weniger Kunstdünger. Zugleich war die biologische Vielfalt vor rund 70 Jahren in der Landwirtschaft besonders groß. Eben auch, weil es die Säume gab.
Danach gab es kaum noch Übergangsflächen. Die Felder reichten bis an die Grenzen, der Pflug konnte messerscharf bis an den Weg heran ackern. Hecken verschwanden, und heute haben wir das Ergebnis: Mehr Erosion, weniger biologische Vielfalt – was uns gerade in trockenen Zeiten, wie auch In der Nachkriegszeit sind im Zuge der landwirtschaftlichen Entwicklung zahlreiche Zwischenräume auf den Feldern, am Wegrand, an Bach- und Waldrändern und in den Dörfern verloren gegangen – die Säume. Genau da nistet aber die Biodiversität. Mit überschaubaren Maßnahmen kann Vielfalt teilweise wiedergewonnen werden. Die Kunst mit den Säumen in diesem Jahr, mehr schadet als nutzt.
Eine Rückkehr zu Äckern von der Größe eines Morgens – im Rheinland rund 2.500 Quadratmeter – ist allerdings keine praktikable Lösung, denn was im Gartenbau möglich ist, lässt sich auf die übrige Landwirtschaft nicht einfach übertragen. Im ökologischen Landbau arbeitet man zwar gerne mit kleineren Strukturen, aber es muss wirtschaftlich und arbeitstechnisch auch sinnvoll sein.
Aber warum nicht wieder den ein oder anderen Saum schaffen, also frisch anlegen. Oder dafür sorgen, dass er sich entwickeln kann. Zu dem ein oder anderen ist der oder die Landwirt:in eventuell schon mit sanfter Kraft gezwungen worden. Ufersäume entstanden beispielsweise wieder neu, weil gesetzliche Vorgaben und die örtlichen Wasserverbände dafür sorgten, dass nicht mehr unmittelbar bis an den Rand des Baches geweidet oder geackert werden darf. Das schafft Platz, Platz für Echtes Mädesüß, Bachbunge, Sumpf-Ziest und vieles mehr. Die Kröten danken es und vielleicht auch die Nattern, ebenso Grashüpfer, Libellen und andere Insekten. Wer nebenan einen elektrischen Weidezaun betreibt, weiß, wie mühselig es sein kann, die Litzen freizuhalten. Andererseits wächst das Gras in den feuchten Ecken auch in trockenen Jahren besser. Wenn der Bach wieder ein wenig aus seinem Rohr oder dem engen Bett treten und freier mäandrieren darf, verändert sich auch das Mikroklima: Die Grashalme sprießen dort selbst dann noch, wenn es andernorts längst braun vor Trockenheit wird.
Ein besonderer Saum ist der Dorfsaum – jener Übergangsbereich zwischen Dorf und freier Landschaft. Vielerorts ist er heute nahezu vollständig verschwunden. Das liegt vor allem daran, dass sich das Leben auf dem Land grundlegend verändert hat. Früher gehörten kleine Gemüseäcker und Nutzgärten ganz selbstverständlich zum Dorfrand. Was heute als Abfall gelten würde, war damals wertvoller Dünger: Mist aus den Ställen, aber auch menschliche Ausscheidungen, wurde auf die Felder und Gärten ausgebracht. Selbst nährstoffreiche Asche fand ihren Weg zurück in den Boden und wurde irgendwo am Dorfrand verteilt. So entstand ein gar nicht mal so schmaler Streifen besonders fruchtbarer Böden. Hier wuchs wild, was nährstoffreiche Standorte liebt (siehe kleine Pflanzenliste im Kasten).
Diese Dorfsäume waren echte biologische Hotspots: Insekten, Schmetterlinge und Bienen fanden hier Nahrung und Lebensraum. Der Neuntöter spießte erbeutete Insekten und andere Kleintiere auf Dornen auf. Und im dichten Gebüsch fanden Igel sichere Verstecke und Rückzugsorte. Ein kleines Naturparadies – heute fast komplett verloren.
Ein Paradies, das sich aber zurückholen lässt – wenigstens ansatzweise. Vielfalt lässt sich nicht herzaubern, aber jeder Saum ist ein Trittstein, ein Beitrag zur natürlichen Vielfalt. Wer so einen Saum schaffen will, muss erst einmal Disteln und Brennnesseln mit Wurzeln Das kann echte Arbeit sein, vielleicht braucht es dazu auch mal eine Spitzhacke. Und ja – bezahlt wird diese Arbeit eigentlich auch nicht. Man macht es, weil man es machen will. Dann gilt es, einen nährstoffreichen Untergrund zu schaffen. Da sind wir Landwirt:innen, soweit tierhaltend, privilegiert: Eine Mistschicht kann eine gute Basis sein. Oder auch der Kompost beim Gartenbau-Betrieb. Und dann die typischen Pflanzenwelt eines Dorfsaums – wie früher anpflanzen oder aussäen.
Erfahrungsgemäß braucht ein solcher Saum in den ersten zwei Jahren immer wieder etwas Pflege. Vor allem Disteln und Brennnesseln müssen im Zaum gehalten werden, damit sie die jungen Pflanzen nicht überwuchern. Doch die Mühe lohnt sich. Und wer das historische Vorbild nicht ganz so streng nehmen möchte, darf ruhig auch etwas Leckeres pflanzen: einen Johan- nisbeerstrauch für die Naschkatzen oder Hagebutten – schon allein, weil sie vielerorts selten geworden sind …
Übrigens: Für die unterschiedlichsten naturräumlichen Bedin- gungen gibt es auch ganz unterschiedliche Saumarten – mit jeweils passenden Pflanzen. Was sie alle verbindet: Sie bilden Übergänge zwischen zwei verschiedenen Lebensbereichen. Dabei bestehen sie aus einer eher bodennahen, krautigen Schicht, die vielen Tieren Schutz bietet, sowie aus höheren Stauden und Sträuchern.
Dazu noch zwei Beispiele:
- Der Lichtsaum: Hier können bis zu 70 Pflanzenarten auf einem Quadratmeter wachsen. Das ist eine der weltweit höchsten Dichte an Pflanzenarten innerhalb eines Lebensraums. Licht- säume sind dadurch gekennzeichnet, dass sie die Übergangszone zwischen Gehölzen (Hecken, Buschwerk, Feldgehölze, Wälder) und Offenland bilden. Idealerweise besteht das Offenland dabei aus Magergrünland oder Lichtrasen, da der Lichtsaum keine stickstoffreichen Standorte verträgt.
- Staudensäume kommen in der offenen Landschaft vor. Es handelt sich dabei um ausdauernde Rainfarn-Wegwarten-Säume. Sie kommen typischerweise an den ackerbaulich genutzten Flächen vor. Die Rainfarn-Wegwarten-Gesellschaft besteht aus starkwüchsigen Pflanzenarten, die sich in nährstoffreichen Milieus gegenüber anderen starkwüchsigen Pflanzen wie, z. B. Brennnesseln, durchsetzen können. Fazit: Raine und Säume haben Einfluss auf das Mikroklima, sind gut für die natürliche Vielfalt und benötigen wenig Raum – allerdings ein wenig Arbeit.
Beispielhafte Pflanzenliste für einen Dorfsaum:
Andorn, Aromatischer Kälberkopf, Aufrechtes Glaskraut, Bilsenkraut,
Echte Hundszunge, Echter Alant, Eseldistel, Färber-Resede, Färber-Waid,
Gefleckte Taubnessel, Gelbe Resede, Gewöhnliches Leinkraut, Gold-Kälberkopf, Großblütige Königskerze, Guter Heinrich, Herzgespann, Katzenminze,
Kleinblütige Königskerze, März-Veilchen, Meerrettich, Nachtkerze, Natternkopf, Nickende Distel, Pyrinäen-Storchschnabel, Rain- farn, Rotbeerige Zaunrübe,
Rote Lichtnelke, Schöllkraut, Schwarze Königskerze, Spitzblatt- Malve, Süßdolde, Wegwarte, Weiße Zaunrübe, Wasserdost, Weichhaariger Hohlzahn,
Weiße Taubnessel, Wermut, Wilde Karde, Wilde Malve.
