Die Berliner Markthallen

Lang lebe das ehrbare Handwerk« – Motto der Metzgerei Kumpel & Keule in der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg. Bild: Udo Tremmel für den Biokreis
Es waren einmal vierzehn – jetzt sind es nur noch eine Handvoll: Die Berliner Markthallen mit ihrer wechselvollen Geschichte haben heute wieder Zulauf
Wie in vielen großen Städten Europas, sind auch in Berlin zwischen dem Ende des 19. Jahrhundert und dem Ersten Weltkrieg Markthallen entstanden. Zur selben Zeit wurden auch die Zentralschlachthöfe in den Großstädten gebaut. Dadurch sollten die Probleme der Lebensmittelhygiene in den schnell anwachsenden Städten gelöst und die Versorgung der Bevölkerung, die ihre Verbindung ins bäuerliche Umland längst verloren hatte, sichergestellt werden.
In Berlin hat das nicht so ganz geklappt mit den Markthallen. Die vierzehn traditionellen, teils prachtvolle ausgestalteten Bauten haben die Erwartungen der Stadtplanung nicht recht erfüllt. Wohl auch deshalb wurden die meisten Hallen im Lauf der ersten Jahrzehnte umfunktioniert, umgebaut oder abgerissen. Später fielen sie dem Krieg zum Opfer oder mussten in der Nachkriegszeit anderen Bauten weichen.
Einkaufen – oder einfach nur schauen, bummeln, essen, trinken und genießen.
Heute gibt es immerhin noch ein halbes Dutzend in Berlin! Davon sind drei Hallen besonders interessant, die in etwa noch wie die ursprüngliche Idee funktionieren, nämlich: belebte Marktstände, offener Verkauf frischer Lebensmittel, Lebensmittelhandwerk und Gastronomie, Gerüche und laute Geräuschkulisse, im Sommer heiß, im Winter bitterkalt… Das alles macht den Charme einer Markthalle aus und unterscheidet sie vom schnöden Supermarkt. Deswegen gehen viele Menschen gerne dort einkaufen – oder einfach nur schauen, bummeln, essen, trinken und genießen.
Die drei noch verbliebenen »echten« Markthallen sind beim genauen Hinsehen sehr unterschiedlich, das Angebot differiert in Qualität und Preisniveau, das Zielpublikum ist ebenfalls verschieden.
In der größten Halle, der freistehend gebauten Arminius-Markthalle in Berlin-Moabit, verkehren vor allem Kund:innen aus dem lokalem Umfeld. Das Angebot ist bodenständig, aber auch typisch altberlinerisch. Berlin, wie es einmal war, rauh, abgewetzt und plüschig, mit Schnauze und Herz – das kann man hier noch spüren, riechen und erleben. Bio-Angebote gibt es hier leider kaum.
Die kleinere Markthalle am Marheinekeplatz in Kreuzberg ist moderner, schicker, und das Publikum hat mehr Geld in der Tasche. Hier gibt es auch viele hochwertige Bioprodukte, Käse. Brot und Fleisch. Die obere Etage, mit Blick auf das Markttreiben, beherbergt ein Coworking-Space (wo auch gelegentlich Mitarbeiter:innen des Biokreis anzutreffen sein sollen).
Die dritte Halle ist die Markthalle Neun, die frühere Nr. 9 der vierzehn Hallen, ebenfalls in Kreuzberg gelegen. Weil die Grundstückspreise beim Bau hoch waren und wenig Platz zur Verfügung stand, wurde die Halle in die Zeile der Wohnhäuser eingebaut, wie viele Kirchen in Berlin. Im Vorbeigehen kann man die Markthalle fast übersehen.
Die Markthalle Neun gehörte dem städtischen Berliner Großmarkt, stand aber leer, bis vor 15 Jahren junge Gastronomen und Lebensmittelhandwerker aus Augsburg auf sie aufmerksam wurden. Mit Unterstützung einer örtlichen Bürger:inneninitiative konnte die Halle neu belebt werden.
Heute kann man hier mit die besten Lebensmittel Berlins einkaufen, vor allem was Saisongemüse aus der Region angeht, Fleisch aus der neu gegründeten Metzgerei Kumpel & Keule, Käse, Brot, Bier aus der hauseigenen Brauerei, frische Pasta, Fisch und vieles mehr.
Die Markthalle Neun steht für eine ökologische Agrarkultur, ein besseres Ernährungssystem und verantwortungsvollen Genuss: Sie ist eine wichtige Adresse für Gourmets, Aktivist:innen aus den NGOs, Multiplikator:innen und internationale Tourist:innen gleichermaßen.
Nicht nur die Markthallen, auch die Berliner Wochenmärkte kämpfen seit Jahren mit dem Problem, dass Men-schen an diesen Orten gerne genießen und sich aufhalten, aber ihre Lebensmittel lieber im Supermarkt einkaufen, weil es dort bequemer und auch billiger ist.
Markthallen zählen zu den vielzitierten »dritten Orte« jenseits des Arbeitsplatzes und der eigenen vier Wände, die die Gesellschaft braucht, wo die Menschen sich begegnen und austauschen können. Früher waren es die Eckkneipen in den Stadtteilen, die leider heute weitgehend verschwunden sind.
In Berlin versuchen die Markthallen und Wochenmärkte mit vielfältigen Angeboten, innovativen Konzepten und langem Atem dem Trend entgegenzusteuern. Viele Menschen, aber auch die Politik unterstützen sie, wissend, dass ohne Märkte und Markthallen ein unersetzliches Stück Kultur verloren gehen würde.
