Das süße(ste) Imperium der Welt

Von Gastautor:in | Gepostet am 22.07.2026

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Die Zuckerrübe ist eine der wirtschaftlich bedeutendsten Kulturpflanzen der gemäßigten Klimazonen und hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Von Annette Schmelzer

Die Zuckerrübe (Beta vulgaris) gehört zur Familie der Amaranthgewächse. Als zweijährige Pflanze, die in der Landwirtschaft einjährig zur Ernte der zuckerreichen Pfahlwurzel angebaut wird, sichert sie die heimische Zuckerversorgung in Europa. Es lohnt sich also bei dieser vielseitigen Nutzpflanze einmal genauer hinzuschauen.

Vielseitige Anwendungsgebiete

Entgegen der landläufigen Meinung ist die Zuckerrübe weit mehr als nur der Rohstoff für unseren Haushaltszucker. Das primäre Anwendungsgebiet bleibt jedoch die Gewinnung von weißem Kristallzucker (Saccharose), welcher als Süßungsmittel, Konservierungsstoff und Geschmacksverstärker in Back- und Süßwaren dient. Aus dem Saft der Rübe wird zusätzlich Zuckerrübensirup als Brotaufstrich oder Backzutat hergestellt.

Biologische Grundlagen und Anbaubedingungen

Da im Öko-Landbau der Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln strengstens untersagt ist, gilt die Bio-Zuckerrübe als eine der anspruchsvollsten Kulturen im ökologischen Pflanzenbau.

Boden: Zuckerrüben stellen extrem hohe Ansprüche an den Boden. Optimal sind nährstoffreiche Löß- und Lehmböden mit guter Wasserführung. Der pH-Wert sollte im neutralen bis leicht alkalischen Bereich (pH 6,6–7,5) liegen.

Klima: Die Zuckerrübe bevorzugt ein gemäßigtes Klima mit ausreichend Niederschlägen (ca. 600-700 mm pro Jahr) oder entsprechenden Zugang zu Grundwasser sowie einer hohen Sonnenscheindauer im Spätsommer.

Fruchtfolge: Aufgrund der Anfälligkeit für Schädlinge und Krankheiten sollte die Zuckerrübe nur alle drei bis fünf Jahre auf demselben Boden angebaut werden. Sie gilt als hervorragende Blattfrucht und hinterlässt einen optimalen, tief gelockerten Boden für nachfolgende Getreidekulturen.

Vorzüge des Zuckerrübenanbaus

Der Anbau von Zuckerrüben bietet aus ökologischer und ökonomischer Sicht folgende Vorteile:

■ Die Zuckerrübe bietet durch ihren hohen Zuckerertrag eine hohe Wertschöpfung und eine Produktivität und gehört somit zu den ertragreichsten Kulturpflanzen der gemäßigten Zone.

■ Mit modernen Sorten lassen sich Erträge von 40 bis 60 Tonnen pro Hektar im Biobereich erzielen und Zuckerfabriken zahlen für zertifizierte Bio-Rüben deutlich höhere Preise als im konventionellen Anbau.

■ Die Blätter bleiben oft als natürlicher Dünger direkt auf dem Feld oder enden als schmackhaftes Futter für glückliche Kühe. 

Zuckerrüben als Futtermittel in der Nutztierhaltung

Bei der Zuckergewinnung fallen folgende nützliche Koppelprodukte an:

Zuckerrübenschnitzel: Die ausgelaugten, gepressten Rübenkürzel werden frisch, siliert oder getrocknet (Pellets) als energiereiches und gut verdauliches Wiederkäuerfutter, besonders für Milchkühe, eingesetzt.

Melasse: Der zähflüssige, dunkelbraune Sirup, der nach der Kristallisation des Zuckers übrig bleibt, enthält noch etwas 50 Prozent Zucker sowie wertvolle Mineralstoffe. Er wird als Bindemittel bei der Mischfutterherstellung und als Energieträger im Futter verwendet.

Bioenergie und Kraftstoffe

Die Zuckerrübe weist pro Hektar eine extrem hohe Biomasse- und Energieausbeute auf.

Bioethanol: Durch die Vergärung des Zuckers oder der Melasse entsteht Ethanol, das als Beimischung im Treibstoff (E10, DE85) zur Reduktion fossiler Co2-Emmissionen im Verkehrssektor beiträgt.

Biogas: Zunehmend werden ganze Rüben direkt in Biogasanlagen eingesetzt. Aufgrund ihrer schnellen Vergärbarkeit und des hohen Gasertrags pro Tonne Substrat dienen sie als hocheffizienter »Turbo« in der Biogasproduktion.

Wirtschaftliche Voraussetzung 

»Wichtigste Voraussetzung für den Zuckerrübenanbau ist die Sicherung des Absatzmarktes«, so Thorsten Block, langjähriges Mitglied und Bundesvorsitzender des Biokreis e.V. Hier sind zwei bis drei Jahre Vertragslaufzeit mit Zuckerfabriken üblich. 

Finanzielle und personelle Ressourcen aufgrund des hohen Arbeitsaufwandes bei der Beikrautbearbeitung sind ebenfalls bereits bei der Planung zu berücksichtigen. Werden sogenannte FarmDroiden (solarbetriebene Feldroboter) bei der Aussaat oder als mechanische Unterstützung bei der Krautbekämpfung eingesetzt, entstehen auch hier hohe Investitionskosten.

Auch Jonas Wilkens vom Biokreis Betrieb Lührsen in Twistringen beschäftigt sich schon länger mit dem Anbau von Zuckerrüben und plant einen großflächigen Anbau dieser Hackfrüchte. »Der Hauptgrund für den Anbau von Zuckerrüben ist die Optimierung der Fruchtfolge und damit die nachhaltige Gesunderhaltung unserer doch sehr schweren Böden«, so Wilkens.

Einsatz der »Rübenpille«

Eine Rübenpille ist ein Zuckerrübensamen, der mit einer Schutzschicht zu einer kleinen Kugel geformt wird. Die runden Pillen lassen sich von Robotern in exakten Abständen in den Boden einlegen. Durch digitale und zonenbasierte Applikationskarten ist der FarmDruid in der Lage, später zielgenau um die Jungpflanze herum, Unkraut zu jäten und den Acker durch effizientes Arbeiten besser sauber zu halten.

»Die Zuckerrübe ist ein regionales Meisterwerk der Evolution und der Landwirtschaft. Wenn Sie also das nächste Mal an einem Rübenfeld vorbeifahren, zollen Sie der dicken Knolle den Respekt, den sie verdient.«

Besondere Herausforderungen im Öko-Anbau

Intensive Beikrautregulierung: Da keine chemischen Herbizide erlaubt sind, ist der Unkrautdruck das größte Ertragsrisiko. Zuckerrüben wachsen in den ersten Wochen sehr langsam und werden daher ohne Gegenmaßnahmen sehr schnell von Beikräutern überwuchert.

Hoher Arbeitszeitaufwand: Die Beikräuter-Regulierung erfolgt meist über eine Kombination aus maschinellem Hacken und Striegeln sowie einem hohen Anteil an manueller Handarbeit. 

Nährstoffversorgung: Ohne mineralischen Dünger müssen Bio-Landwirt:innen die Nährstoffversorgung über eine ausgeklügelte Fruchtfolge sichern. Dazu zählen der Anbau von Leguminosen (z.B. Kleegras) im Vorjahr sowie der gezielte Einsatz von organischem Dünger wie Mist oder Kompost.

Eine Lanze für die Knolle

Die Zuckerrübe ist ein regionales Meisterwerk der Evolution und der Landwirtschaft. Sie sichert Arbeitsplätze, schont durch kurze Transportwege die Umwelt und versüßt uns im wahrsten Sinne des Wortes den Alltag. Wenn Sie also das nächste Mal an einem Rübenfeld vorbeifahren, zollen Sie der dicken Knolle den Respekt, den sie verdient.

Annette Schmelzer ist Leiterin der Geschäftsstelle des Biokreis
Erzeugerrings Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen e.V. 

Gastautor:in