Weidetierhaltung: Grasen für den Klimaschutz

Klimafolgen: Erinnerungsfoto an das Dürrejahr 2018
Viele Konsument:innen glauben immer noch, Rinder, Schafe & Co seien per se Klimakiller. Ein undifferenziertes Vorurteil, das längst widerlegt ist. Von Peter Schmidt
Immer noch werden sie als Klimakiller verteufelt. Rinder, Schafe und eigentlich alle Wiederkäuer werden in den öffentlichen Diskussionen verunglimpft, der Fleischgenuss als klimaschädlich gebrandmarkt. So aber stimmt das nicht – eigentlich sollte dies seit 2010 bekannt sein. Damals veröffentlichte die Tierärztin und Agrarwissenschaftlerin Anita Idel die bahnbrechende Studie ›Die Kuh ist kein Klimakiller‹. Und doch – die ›kritischen‹ Konsument:innen denken oft nicht differenziert und das Vorurteil hält sich hartnäckig.
Ein paar Jahre ist es her. 2022 nahm ich an einem Online-Workshop für Mutterkuh-Haltende teil. Es ging auch um die Klimawirkung von Rindfleisch. Ich fragte die Expert:innen des Thünen-Institutes, worauf denn die schlechten Klimawerte für den Rindfleisch-Verzehr beruhen – und ob es auch spezifische Bewertungen von Weidefleisch gäbe.
Die Antwort war so, wie ich es vermutete: Über Mutterkuh-Haltungen fehlten die Zahlen und Werte, von Bio-Mutterkühen ganz zu schweigen. Seitdem ist klar: Alle Zahlen beziehen sich auf das Fleisch, das der Masse der Bevölkerung angeboten wird, Fleisch aus mehr oder weniger intensiver Stallmast, hochgepäppelt oft mit zugekauftem Kraftfutter, darunter oft auch Sojabestandteile aus Übersee.
Das heißt für Bio-Weidetierhalter:innen, dass die Zahlen gelten so nicht für Biokreis-Betriebe: Sicherlich gibt es einen Unterschied zwischen Milchviehhalter:innen und extensiven Mutterkuh-Betrieben, doch die grundsätzliche Aussage bleibt: Der Verzehr von Bio-Weidefleisch ist weit weniger oder kaum klimarelevant.
Schauen wir uns die Sache genauer an. Drei Klimagase sind in der Landwirtschaft relevant: Lachgas, Methan, CO2.
Lachgas ist alles andere als lustig
Lachgas entsteht in der Landwirtschaft, das stimmt. Jetzt aber kommt es: Lachgas entsteht hauptsächlich bei der Produktion und dem Einsatz von chemisch-synthetischem Dünger. Beim Einsatz besonders dann, wenn sich die Düngerkügelchen, die ja auf dem Wiesenboden liegen, bei Regen auflösen. Dann soll der Wirkstoff Stickstoff eigentlich an die Wurzeln, doch immer geht von dem Stickstoff auch einiges an die Luft – so wird aus N2 dann N2O, und damit haben wir Lachgas (N2O).
Bio setzte auf organischen Dünger
Aber: Bio-Bauern und -Bäuerinnen setzen gar keinen -chemisch-synthetischen Dünger ein. Was eingesetzt wird, ist organischer Dünger. Wer per Gülle mehr Nährstoffe ausbringt, als die Pflanze aufnehmen kann, bei dem könnte dann auch Lachgas von der Wiese entweichen. Aber auch hier sind die Bio-Betriebe üblicherweise außen vor. Denn die flächengebundene Tierhaltung sorgt dafür, dass bei den Betrieben die Nährstoffe knapper sind und mit ihnen sorgsam gehaushaltet werden muss. Überdüngung ist hier weniger das Problem, erst recht bei den zahlreichen Mutterkuhhalter:innen, die froh sind, wenn sie mit ihrem Mist die Futterflächen überhaupt gut versorgt bekommen.
Fazit Lachgas: Dieses klimaschädliche Gas ist bei Bio-Betrieben üblicherweise kein Thema. Und das ist auch gut so, denn N2O ist extrem klimaschädlich, über einen Zeitraum von 100 Jahren betrachtet soll es 265-mal so klima-relevant sein wie CO2.
Methan – das Kurzzeit-Klimagas
Zunächst einmal gilt die Feststellung: Ja, Methan entsteht bei wiederkäuenden Tieren. Egal, ob Rind, Schaf. Aber auch bei Giraffe, Antilope, Rehen und sogar Elefanten – obwohl der Dickhäuter keinen Pansen hat. Auch sie als Pflanzenfresser stoßen Methan aus. Das Max-Planck-Institut hat schon lange festgestellt, dass auch Pflanzen selbst Methan ausstoßen können. Zu den großen natürlichen Methanquellen zählen auch Sümpfe und Moore. Und Methan (chemisch CO4) ist ein klimawirksames Gas, das sich etwa binnen zwölf Jahren wieder abbaut.
Also: Es gibt schon immer einen nicht unerheblichen Methanspiegel in der Atmosphäre. Denn über Jahrtausende wollten die Tiere satt werden, durch Europa streiften Wisente und andere Wiederkäuer.
Der stabile Methanspiegel der Vergangenheit jedoch ist angestiegen – auch durch die nicht flächengebundene Tierhaltung. Aber: Je mehr Tiere pro Hektar, desto weniger stimmt das ursprüngliche Verhältnis. Dazu kommt noch: Neben dem Reisanbau leisten einen wesentlichen Beitrag zum Methanausstoß der Kohleabbau, das Fracking, die Erdgasförderung. Allein in den USA gilt die Region ›Four Corners‹ (Arizona, Colorado, New Mexico, Utah) aufgrund der dortigen Erdgas-Förderung als Methan-Hotspot.
Fazit für uns Weidetierhaltende: Unser Beitrag zur Steigerung des Methanspiegels ist gering oder gar gleich Null. Die intensivere Tierhaltung im Stall ist der landwirtschaftliche Beitrag zum Methan-Anstieg. Da Bio-Landwirtschaft aber flächen-gebunden ist, ist dies ein Argument für das Bio-Weidefleisch!
CO2 – das Weidetier als Klimaschützer
Bei der Kohlendioxid-Produktion sind wirklich fast alle dabei – denn bei jeder Art von Verbrennung entsteht CO2. Das lässt sich nicht verhindern, da trägt die Landwirtschaft ihren Teil dazu bei. Jede Treckerstunde bringt neues CO2 in die Luft. Auch dann, wenn der Trecker irgendwann mal anders angetrieben wird, irgendwo wird immer noch fossile Energie eingesetzt. Wie auch beim Heizen, beim Urlaubsflug, bei der Dienstreise.
Die Gesamtbilanz für Bio-Weidetiere lautet: Lachgas ist kein Thema, der Methanspiegel in der Atmosphäre steigt durch die Weidetiere nicht an, und beim Kohlendioxid sind unsere Weidetiere sogar ein Beitrag zum Klimaschutz. Wenn Fleisch, dann also vom Weidetier – damit wird das Klima geschont.
Das, was wir tun können in unseren Betrieben, ist ein möglichst energiesparendes Wirtschaften. Zugleich können wir uns auf unsere Rinder als Helfer bei der CO2-Reduzierung verlassen. Denn die Rinder, Schafe, Ziegen beweiden Grünland. Und der Boden der Wiesen und Weiden besteht eben aus Humus. Während der Wald als Kohlenstoff-Speicher so gelobt wird – aber mittlerweile durch absterbende Bäume zeitweise zum Kohlenstoff-Abgeber wird, ist der Grünlandboden ein sicherer Kohlenstoff-Speicher, doppelt so gut als der Waldboden. Und unsere Weidetiere stärken den Grünlandboden, regen mit ihrem Biss das Graswachstum an, die Wurzeln werden stärker, Humus wird gehalten und aufgebaut. Humus wiederum besteht zu 60 Prozent aus Kohlenstoff. Und gebundener Kohlenstoff kann eben nicht an der frischen Luft zu Kohlendioxid reagieren. Fazit: Unsere Rinder stärken die Klimasenke Grünlandboden, hier ist ihre Bilanz letztlich positiv. Würden beweidete Flächen aufgegeben und verbuschen, würde ihre CO2-Speicherkapazität drastisch zurückgehen.
L E S E T I P P :
Die Tierärztin und Agrarwissenschaftlerin Anita Idel wurde für ihr
Buch ›Die Kuh ist kein Klimakiller‹ mit dem Salus-Medienpreis ausgezeichnet.
Die Studie hat die Diskussion um die Rolle der Tierhaltung in der Klimakrise maßgeblich beeinflusst. Das Buch in der von der Schweisfurth Stiftung herausgegebenen Reihe ›Agrarkultur im 21. Jahrhundert‹ ist in der 10. Auflage im Buchhandel erhältlich: Metropolis-Verlag, 213 S., 19,80 Euro

