Natürliche Vielfalt dank Weidetier

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Oder: Jeder Kuhfladen steht für Vielfalt. Von Peter Schmidt
Dieses Jahr haben die Vereinten Nationen zum Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums erklärt endlich! Denn die Leistungen der Weidetiere für unser gesamtes System werden zu oft in der Diskussion um Fleischkonsum, Ethik und ›Massentierhaltung‹ verkannt.
Langsam geht es wieder los: Während viele Schafe auch in den Wintermonaten draußen waren, kommen bei trockenerem Wetter jetzt die Rinder vom Stall auf die Weide. Sie sind Weidetiere und genießen das Leben auf mehr oder weniger saftigem Grün. Mindestens genauso wichtig aber ist: Die Natur braucht die Rinder, die Schafe und alles, was geschickt gemanagt, extensiv auf den Flächen grast.
Geht das Rind gemäßigten Schrittes über das Grün und lässt zwischendurch ganz entspannt einen zünftigen Fladen fallen, dann entsteht schon der erste Mini-Biotop. Flapsig formuliert: Ohne Mist kein Mistkäfer, ohne Kuhfladen fehlt den Insekten schlicht der Lebensraum. Allerdings – darum die Vorbemerkung der »entspannten« Kuh – muss der Fladen eine gewisse Basisgröße haben. Aber dann schafft es jedes Rind, rund 20 Kilo Insekten pro Monat (!) Heimat und Nahrung zu geben. Dabei sind die Bio-Rinder klar im Vorteil, auch das ist nachgewiesen. Denn ohne Medikamente im Fladen überleben die Insekten einfach besser.

Weil das Leben aus Fressen und Gefressenwerden besteht, überleben dank der Insekten auch unsere Singvögel und ihre Nachkommen. Denn die Elternvögel sammeln ihre Grundnahrungsmittel gerne auf den Flächen der Weidetiere. Ein Vogelpärchen kann seine Kinder nicht umstellen auf eine Gras- und Kräuter-basierte ›vegane‹ Ernährung. Doch dankenswerterweise macht die Kuh aus Gras nicht nur Energie für ihren eigenen Körper, sondern eben auch über Umwege die Nahrungsquelle für die anderen Tiere. – Vielfalt fängt mit ›Vie(h)‹ an.
Extensive Weidehaltung schafft Lebensraum. Auch Grashüpfer profitieren davon. Auf unserem Klosterhof in Bünghausen (Gummersbach) haben wir eine Monitoringfläche für Heuschrecken (und Grashüpfer). Der untersuchende Biologe ist begeistert. Verglichen mit dem Landesdurchschnitt beobachten wir etwa doppelt so viele Arten und auch mengenmäßig doppelt so viele Tiere. Hier finden das Grüne Heupferd, die Langflügelige Schwertschrecke, der Nachtigall-Grashüpfer und Roesel’s Beißschnecke Heimat und Nahrung. Auf intensiven Mähflächen hingegen hätten sie keine Chance – durch die Weidetierhaltung fühlen sie sich wohl.
Was für die tierische Vielfalt gilt, das gilt auch für die pflanzliche. Die Almen gelten als besonders kräuterreich, doch auch auf Weideflächen andernorts entsteht echte Vielfalt. Allein schon dadurch, dass die Flächen nicht gleichmäßig abgegrast werden, dass rund um die Kuhfladen ein anderer Mini-Biotop entsteht als an der benachbarten Böschung. Zudem bleibt auch immer überständiges Gras stehen. Früher hätte man es flott abgemulcht, um dem Futtergras neue Chancen zu geben. Doch da viele Betriebe im Mittelgebirge einerseits auch Flächen beweiden, die eben nicht mit dem Trecker zu befahren sind, oder andererseits einfach auch genügend Futterflächen und -reserven haben, bleibt der alte Pflanzenstengel stehen.
Seit einigen Jahren gibt es im Hinblick auf die Förderungen der Biodiversität die Möglichkeit, im jährlichen Landwirtschaftsantrag entsprechende Fördermittel zu beantragen. Da ist das Grünland zum Förderhotspot geworden. Besonders interessant sind dabei die Förderungen der Ökoregelung 5, die Förderung artenreichen Grünlandes. Zwar hat jedes Bundesland hier eigene Kennarten definiert – wer eine bundeslandspezifische Anzahl davon auf seinen Grünlandflächen findet, erhält die Förderung zusätzlich zur Öko-Prämie.
Gleiches gilt für die Öko-Regelung 1d, über die Altgrasstreifen und -flächen auf Dauergrünland kofinanziert werden. Die Förderung soll im laufenden Jahr 2026 auf rund 1.000 € für den ersten Hektar angehoben werden. Für die Landwirtschaft ist wichtig: Eine Nutzung ist erst ab dem 1. September möglich, mulchen ist nicht erlaubt. Die Höhe der Prämien ist bundesweit recht einheitlich. Sind allerdings in verschiedenen Bundesländern Maßnahmen ›überbucht‹, dann kommt es zu länderspezifischen Kürzungen. Über die Vertragsnaturschutz-Maßnahmen der Länder und Landkreise sind sicherlich noch weitere Förderungen möglich, doch diese sind regional sehr unterschiedlich. Nachschauen lohnt sich!
Nachschauen lohnt nicht nur für den eigenen Geldbeutel: Wer beispielsweise Altgras stehen lässt, verzichtet auf Einnahmen – und damit ist ein Finanzausgleich gerechtfertigt. Und damit freut sich auch die Natur, beispielsweise wenn mal ein Büschel Brennnesseln hochwächst als wichtige Nahrungsgrundlage für Raupen. Das Landkärtchen, das Taugpfauenauge und der Kleine Fuchs können nicht zum Schmetterling heranwachsen, wenn Nesseln fehlen. Auch wenn die Distel als Futterpflanze fürs Rind ziemlich ungeeignet ist, die Raupe des Distelfalters braucht diese stachelige Pflanze. In extensiven Weidelandschaften haben solche Pflanzen bessere Überlebenschancen.

Jede Nutztierart hat seine eigenen Fähigkeiten, Vielfalt in der Kulturlandschaft zu erhalten. Neben den Rindern besonders beliebt die Schafe, kurz gesagt die ›Samentaxis‹ unter den Nutztieren. In ihrer Wolle bleiben Blüten und Samen von einer Fläche hängen, die sie dann zur nächsten Weide tragen – und so für eine Samenverbreitung sorgen. Oder Ziegen, die sich über Sträucher und Hecken hermachen, die Grünland zerstören. Wer offenes und artenreiches Land erhalten will, muss entweder selbst wuchernde Hecken bekämpfen – oder Ziegen in sein Nutzungskonzept einbauen.
Auf lange Sicht funktionieren der Erhalt und die Förderung der Biodiversität nur, wenn es sich für die Landwirtschaft rechnet. Förderungen wie Vertragsnaturschutz oder auch die Ökoregelungen sind immer Ausdruck des politischen Willens. Dieser oder auch die Kassenlage können sich ändern, dann sind Förderungen schnell weg. Darum: Die Landwirt:innen müssen ihre Weideprodukte zu guten Preisen verkaufen. Denn Weidehaltung ist aufwändig.
Der Biokreis unterstützt seine Landwirt:innen zum Beispiel mit guten Argumenten, praktischen Marketingmaterialien (im Online-Shop) oder mit Social-Media-Pics (unter ›mein biokreis‹).
Der Autor Peter Schmidt ist Ökolandwirt und Vorstand des
Biokreis Erzeugerring NRW und Niedersachsen e.V.