Landwirtschaft mit U-Bahn-Anschluss

Sattelschweine auf der Domäne Dahlem
In der Hauptstadt wird nicht nur Politik gemacht, sondern auch getrunken und gegessen – und es gibt sogar einen Bio-Bauernhof mitten in der Stadt.
In der deutschen Hauptstadt werden täglich wichtige politische Entscheidungen getroffen, die unser aller Leben beeinflussen. Die Stadt ist aber auch für ihre junge, dynamische und internationale Food-Szene bekannt. Gemeint ist hier nicht in erster Linie die Sternegastronomie. Vielmehr geht es um die vielen Gastgeber:innen und Lebensmittelhandwerker:innen, um Bäckereien, Brauereien, Fleischereien und Stadtimkereien – und nicht zuletzt um die (Bio-)Bauern und Bäuerinnen im Umland. Die meisten von ihnen üben ihre Gewerke mit viel Herzblut aus. In unserem Hauptstadtfenster sollen sie zu Wort kommen.
›Berliner Landwirtschaft‹ – das klingt seltsam. Und doch: Das Bundesland Berlin weist laut offizieller Statistik rund 2.000 Hektar landwirtschaftliche Flächen aus, darunter 300 Hektar in ökologischer Bewirtschaftung.
Als die Mauer noch stand, war Westberlin vom Umland abgeschnitten. Die wenigen Landwirtschaftsbetriebe innerhalb Westberlins waren damals eine wichtige Quelle für frische Lebensmittel und zugleich Ausflugs- und Erholungsorte für die Bevölkerung.
Landwirtschaft wird hier nicht romantisiert, alles wird fachlich auf hohem Niveau vermittelt und zeitgemäß präsentiert.
Diese ›Berliner Landwirtschaft‹ ist vor allem den Älteren noch ein Begriff. Im Kalten Krieg bedeutete sie ein Stückchen Selbstversorgung und Lebensmittelsicherheit. Tatsächlich kam jedoch zu dieser Zeit ein erheblicher Teil der Lebensmittel für Westberlin aus dem Umland, also aus der DDR. Zugleich verfügte Westberlin bis zur Wende 1989/90 mit der sogenannten Senatsreserve über gigantische Vorräte an gebunkerten Lebensmitteln, die im Spannungsfall für 180 Tage reichen sollten.
Diese Zeiten sind zum Glück vorbei! Die Mauer ist nur noch Erinnerung, aber die Berliner Landwirtschaft ist noch da. Dazu zählt heute zum Beispiel der Betrieb ›SpeiseGut‹ des Biokreis-Beraters Christian Heymann. Die Solawi versorgt regelmäßig Hunderte Ernteteiler:innen mit frischen und hochwertigen landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Die Flächen liegen idyllisch am Westufer der Havel. Ein paar Schritte weiter beginnt das Land Brandenburg.
Ein sehr viel älterer Berliner Landwirtschaftsbetrieb ist die Domäne Dahlem im Stadtteil Zehlendorf. Hier wird schon seit über 800 Jahren geackert! Das ehemalige Rittergut lag einst weit außerhalb, heute befindet es sich mitten in der Stadt. Bis ins 19. Jahrhundert lebten hier Adlige mit klangvollen Namen, dann fiel das Gut dem preußischen Fiskus zu und wurde Staatsdomäne.

Das aufstrebende Berlin brauchte Bauland, so auch in Dahlem, einem vornehmen Vorort der Stadt. Um wohlhabende Bauwillige anzulocken, wurde Dahlem bereits 1913 an das Schnellbahnnetz angeschlossen. Der U-Bahnhof ›Dahlem Dorf‹ direkt vor der Domäne Dahlem wurde auf besonderen Wunsch Kaiser Wilhelm II. im Stil eines nordischen Gutshauses errichtet.
Über 100 Jahre scheiterten alle Bestrebungen, die Äcker und Weiden der Domäne in Bauland umzuwandeln. Die Flächen wurden für den Versuchsanbau reserviert, aber nie systematisch genutzt. Erst im Jahr 1976 gelang es einer Bürgerinitiative, auf dem Gut ein Freilichtmuseum zu initiieren und so den langfristigen Erhalt der landwirtschaftlichen Nutzung zu sichern.
Heute ist die Domäne Dahlem zugleich ein biozertifizierter Landwirtschaftsbetrieb, ein Museum und eine Bildungsstätte, getragen von einer eigenen Stiftung. Die Landwirtschaft umfasst zwölf Hektar Ackerbau, Tierhaltung, Obst- und Gemüseanbau. Ein Schwerpunkt der Tierhaltung ist die Zucht alter, gefährdeter Rassen, darunter das Deutsche Sattelschwein, das Rote Höhenvieh und seltene Geflügelrassen.
Kleine und große Besucher:innen können die landwirtschaftliche Praxis hautnah miterleben. Ein Rundweg führt durch das Gelände, gelegentlich begegnet einem ein Trecker oder ein Kuh- oder Ochsengespann nach alter Tradition. Dabei fällt auf: Landwirtschaft wird hier nicht romantisiert, alles wird fachlich auf hohem Niveau vermittelt und zeitgemäß präsentiert. Die Pflege alter Traditionen ist dadurch nicht ausgeschlossen.
Die Erzeugnisse werden im eigenen Hofladen direkt an der Hauptstraße verkauft oder landen auf den Tellern des Gutsgasthauses. Ein wöchentlicher Ökomarkt mit Erzeuger:innen aus dem Umland ergänzt das Angebot.
Beachtlich ist auch das umfangreiche Museums- und Bildungsangebot, unter anderem mit einem ›Culinarium‹ zur Agrar- und Ernährungskultur.
Für die Berlinerinnen und Berliner ist die Domäne Dahlem ein Erfahrungs-, Bildungs- und Einkaufsort von unschätzbarem Wert. Heute kann man zwar auch Höfe in Brandenburg besuchen, aber eine Landpartie in der Stadt hat was. Zumal man schneller hinkommt – dank der U-Bahn.
Der Autor Udo Tremmel ist beim Biokreis e.V. zuständig
für die Redaktion und Grafik der BioNachrichten.
Mehr im Internet: www.domaene-dahlem.de