Kalken im Grünland

sheep in grass field
Damit der Boden gar nicht sauer wird! Von Peter Schmid
Hier auf dem Dorf müssen wir schon mal die Nachbarschaft überzeugen: Da liegt dann ein dicker Haufen Kalk – und der Lohnunternehmer mit dem Kalkstreuer kommt erst übermorgen. Trotz Abdeckung kann dann mal etwas stauben und verwehen, nicht jeden freut´s. Die Wiesen und Weiden aber freut es meist, wenn endlich Kalk gestreut wird. Schließlich ist es nur natürlich, dass der Boden langsam aber sicher etwas saurer wird. Denn wenn Wurzeln atmen, dann entsteht Kohlendioxid, das mit dem Bodenwasser reagierend zu Kohlensäure werden kann und dazu beiträgt, dass dann der Boden so langsam saurer wird. Und je saurer der Boden so wird, desto schlechter sind die Nährstoffe fürs die Pflanze, das Gras verfügbar. Calcium, Magnesium und Co aber brauchen die Pflanzen zum guten Wachstum. Leicht saure Böden oder eben auch neutrale helfen dabei, dass die Nährstoffe besonders gut umgesetzt werden. Verpflichtend sind alle fünf Jahre Bodenuntersuchungen – wer öfter seine Bodenproben einschickt, ist besser informiert, weiß vielleicht auch, wo der Boden Unterstützung braucht.
Für Grünland gilt, dass der schwach saure Bereich durchaus anzustreben ist, das sind dann ph-Werte zwischen 5,5 und 6,5. Ist der Boden wesentlich saurer, dann geht das schon ordentlich auf den Ertrag, dann kann man noch so fleißig Mist fahren, die Nährstoffe kommen einfach nicht in dem Grase an.
Eines mag ein wenig die tierhalten-den Betriebe trösten: Schafe nehmen über das Gras auch Kalzium auf – also wirkt auch der Schafsmist ein wenig gegen den sauren Boden. Ähnliches gilt für Kühe, nur in gerin-gerem Maße. Ein Glück, wer Hühner hat oder die Kooperation mit einem Legehennen- oder Masthähnchen-Betrieb. Da Hühner auch einen höheren Kalzium-Bedarf haben – für Knochenbau und Eierproduktion – wirkt sich das auch darauf aus, dass der Hühnermist tatsächlich ein wenig besser gegen den sauren Boden hilft. In der Mengenreihenfolge gilt also: Hühnermist hat unter den Misten die beste Wirkung, dann folgen Schaf-mist und der Kuhmist.
Aber: Allein der Mist macht es eben nicht, üblicherweise ist der Bedarf höher, um den Boden in angenehme pH-Werte zu bringen. Also: Kalken ist immer wieder ein Thema – letztlich kann man den Stoff ganzjährig ausbringen. Sinnvoll ist aber sicher der Herbst und das Frühjahr, eben dann, wenn auf den Flächen nicht fleißig gearbeitet wird. Dabei sollten grundsätzlich zeitliche Abstände zwischen dem Misten/Güllen und der Kalkausbringungen liegen. Welcher Kalk, das hängt dann letztlich von den Möglichkeiten wie auch vom Geldbeutel ab.
Recht günstig ist der Kalkdünger, den die Kalkwerke direkt per Sattelzug auf den Hof liefern. Die meisten sind mit einem Tellerstreuer ausbringbar – allerdings arbeitet man sich da mit einem handelsüblichen Düngerstreuer im Heck-Dreipunkt „einen Ast“.
Wer weniger Staub liebt, kann sich den gekörnten Kalk auch per BigPack liefern lassen. Alles eine Frage des Preises – bei uns in der Region gibt es gerade die Tonne erdfeuchten Kalk, geliefert per Sattelzug für 30 €. Bei den Körnern – die stauben zwar nicht und lassen sich auch mit dem eigenen kleineren Düngerstreuer verteilen – liegt der Preis etwa fünfmal so hoch. Übrigens: Rechnen sollte man – regionsspezifisch sicherlich unterschiedlich – mit rund 2 Tonnen je Hektar, es darf bei echt sauren Böden auch ruhig etwas mehr sein …
Wer aufs Kalken und Bodenverbessern verzichtet, wird langfristig eine Veränderung der Pflanzengesell-schaften bemerken. Die Futtergräser und der Klee, die könnten so langsam verschwinden. Dafür profitieren vom saureren Boden andere Sorten vom Rotschwingel über die jährige Rispe bis hin zu den verschiedenen Moosen.
Wobei saure Böden nicht wirklich wertlos sind. Es gibt Kulturen außer-halb des Grünlandes, die freuen sich drüber: Besonders Heidelbeeren und Preiselbeeren lieben saure Böden. Aber auch Kartoffeln, einige Tomaten, Mangold, Kürbis, Lauch, Mohrrüben, die meisten Salate und einige weitere Gemüsearten mögen oder tolerieren einen sauren Boden. Die Grünland-Landwirt:nnen freuen sich sicherlich nicht über Sauerampfer (da steckt der Bodenzustand schon im Namen) oder Adlerfarn, eher schon über die Margerite. Auch der Knöterich zählt zu den Pflanzen, die eher saure Bö-den lieben, der Schachtelhalm und die Hundskamille wie auch das Weidenröschen rund andere. Und jetzt wird es kompliziert – denn auch in saurer Umgebung hat sich natürliche Vielfalt entwickelt, leben Insekten, die nicht ohne diese Pflanzen auskommen. Da gibt es beispiels-weise den – aktuell nicht gefährdeten – Schachtelhalm-Flohkäfer. Auch da steckt es schon im Namen: Ohne Schachtelhalm wäre der Käfer seiner Heimat beraubt …
Den Zwiespalt müssen Bäuerin und Bauer nun lösen. Einerseits braucht es gutes Futter für die eigenen Tiere, andererseits braucht auch die natürliche Vielfalt Unterstützung. Und weil auch auf den Flächen mit ausgeglichenem pH-Wert sich eine wundervolle natürliche Vielfalt entwickeln kann, ist die pragmatische Lösung eigentlich immer: Die wichtigen Flächen, auf denen gut Futter geworben werden muss, die müssen auch Erträge bringen. Auf vielen Grünlandbetrieben bleibt dann immer noch genügend Platz, auch mal Saures zuzulassen. Damit eben der Schachtelhalm-Flohkäfer noch eine Zukunft hat. Ein Hoch also auf die Nischen, die sparen Geld beim Kalken und erhalten natürliche Vielfalt im sauren Bereich. Aber eben auch – und unentbehrlich für Bio-Betriebe – ein Hoch auf regelmäßige Kalk-Aktionen, damit der Boden unseren Futtergräsern weiter Nährstoffe zur Verfügung stellen kann. Denn gesunde Tiere wollen gutes Futter fressen – das ist unsere Verpflichtung.
Der Autor Peter Schmidt ist Ökolandwirt und Vorstand des
Biokreis Erzeugerring NRW und Niedersachsen e.V.